Ein Stück Freiheit – musikalische Rebellion im Film “Leto”

In seinem Film “Leto” thematisiert Regisseur Kirill Serebrennikow die russische Underground-Szene Anfang der 80er Jahre in Leningrad. Kern der Story sind die musikalischen Anfänge der Band “Kino” und deren 1990 verstorbenen Sänger Viktor Tsoi. Gespielt wird dieser von Teo Yoo, der uns für diesen Artikel zudem ein paar Fragen beantwortet hat. 

Wie in einer Parallelwelt, die von dem Rest der Welt unbemerkt blieb, lebten die Underground-Musiker im damaligen Leningrad. Statt “lebten sie” könnte man auch sagen “versteckten sie sich”. Denn die Geduld des Staates war zu Ende: Rockmusik wird nicht mehr länger als Bestandteil der Kultureinrichtung hingenommen und als demoralisierende und zerstörerische Kraft für die Jugend erklärt; mit einer Krankheit gleichgesetzt. Der Begriff “Rock” wurde in der Presse zensiert. Er sollte in der Öffentlichkeit schlichtweg nicht existent sein. In ihm sahen Staat und Presse die Verbreitung von staatsfeindlichen Gedanken.

Doch der Widerstand findet im Stillen statt und was verboten ist, erscheint nunmal um einiges reizvoller. Konzerte finden in privaten Wohnzimmern statt, Tonstudios sind heimlich dauerhaft belegt und Viktor Tsoi schreibt kontinuierlich an seinen Songs weiter. Auftritte vor größerem Publikum, außerhalb von Wohnzimmern, waren nur durch die Erlaubnis der Aufnahmekommission und unter strengen Regeln möglich:  Eskalation und Euphorie waren nicht gestattet. Das Publikum musste auf seinen Plätzen ruhig sitzenbleiben.

Foto: -/Weltkino Filmverleih GmbH/dpa

Hauptdarsteller Teo Yoo spielt Viktor Tsoi. Er ist in Köln geboren, war in London an der Schauspielschule und wohnt jetzt in Seoul.

Wie kam es dazu, dass du letztendlich die Rolle von Viktor Tsoi spielst? 

Teo Yoo: Ich wurde angefragt von meiner Agentur und habe ein Casting Video gedreht, in dem ich auch Gitarre gespielt und gesungen habe. Wenige Tage später wurde ich zum Live Casting nach Moskau eingeladen. Im Gogol Center habe ich dann vier Stunden mit Kirill (dem Regisseur) gearbeitet und wir haben viel ausprobiert, um verschiedene Facetten meiner Rolle zu entdecken. Zwei Wochen später habe ich dann die Zusage bekommen.

Hast du selbst einen Bezug zur russischen New-Wave-Musik der 1980er? 

Teo Yoo: Vor Drehbeginn hatte ich wirklich gar keinen Bezug zur russischen New Wave Musik. Ich bin eher ein Fan von Roma und Sinti Musik aus dem Balkan. Da gibt es natürlich auch slawischen Cross-Over.

Du scheinst im Film wie geschaffen für die Rolle des Viktor Tsoi. Kannst du dich selbst mit dem Musiker identifizieren? 

Teo Yoo: Ja. Ich bin Koreaner, der in Europa aufgewachsen ist, in einem größtenteils kaukasischen Umfeld. Und ich bin Schauspieler. Neben Viktor Tsoi kenne ich keinen Koreaner, der unter ähnlichen Umständen so ehrgeizig an seiner Kunst arbeitet. Das inspiriert mich sehr. Die kulturellen und persönlichen Umstände geben seiner Musik eine spezifische Sensibilität, die Viktor Tsois Musik für mich sehr verständlich macht.

Obwohl die Musiker in Russland damals Vorbilder aus dem Westen hatten, hörte sich ihre Musik doch sehr einzigartig an. Wie empfindest du das? 

Teo Yoo: Absolut. Aus meiner Erfahrung heraus würde ich sogar so weit gehen zu behaupten, dass der Wortschatz der russischen Sprache größer ist als im Englischen. Das könnte man mit Farben vergleichen. Obwohl die russischen Musiker die gleichen Bausteine gehabt haben wie ihre westlichen Vorbilder, hatten sie eine größere Farbpalette, um die Bausteine zu „bemalen“. Da konnte zwangsweise nur etwas Vielseitigeres entstehen als bei den westlichen Vorbildern.

Und was hältst du selbst vom Film? 

Teo Yoo: Der Film ist für mich eine wunderbare, romantische Version der russischen Jugend hinter dem Eisernen Vorhang. Und trotz der 80er Jahre-Nostalgie finde ich trifft der Film den heutigen Zeitgeist.

Foto: -/Weltkino Filmverleih GmbH/dpa

“Leto” ist der gleichnamige Song der Band Kino und heißt zu deutsch “Sommer”. Der Film erzählt dem Zuschauer vom Leben der Musiker wie aus einem Tagebuch. Neben der Haupthandlung, welche in schwarz-weiss daherkommt, erscheinen zwischendrin bunte Diaaufnahmen, Notizen und die Hymnen der westlichen Vorbilder David Bowie, Lou Reed, Talking Heads. Diese Ausschmückungen reißen die Charaktere aus ihrem grauen, von Sehnsucht und Rebellion geprägten Tag heraus. Zwischendurch gibt es immer wieder überraschende Wendepunkte: Eskalationen auf einem Konzert, Musiker zertrümmern ihre Instrumente, ein Punk rebelliert im Zug und singt mit seinen Sitznachbarn lauthals den Song “Psychokiller”. Nach diesen euphorisierenden Szenen kommt immer wieder ein Typ ins Bild und hält ein Schild in die Kamera, auf dem draufsteht “Das ist nie wirklich passiert”. Aber man hätte es sich so sehr gewünscht.

Foto: -/Weltkino Filmverleih GmbH/dpa

Ab dem 8. November läuft “Leto” in ausgewählten Kinos. Fertigstellen musste der Regisseur den Film im Hausarrest. Denn der Staat wirft ihm Korruption und Veruntreuung von Fördergeldern vor. Zwar können Serebrennikow und seine Mitarbeiter dies mittels genügender Beweise widerlegen, doch Beobachter sehen darin den Versuch kritische Künstler in Russland einzuschüchtern.

“Wir beleben eine Kultur, die für die Mächtigen und staatlichen Kulturrichtlinien inakzeptabel ist, in genau derselben Weise wie Leningrad 1983 weder die Zeit noch der Ort für Rockkultur in der UdSSR war” so der Regisseur.