“Wir können heute nichts neu erfinden und das ist auch gut so” – Pauls Jets im Interview

Newcomer aus Österreich: Mit Songtiteln wie “Diese Villa ist verlassen”, “Üben Üben Üben” und “22703” machen Pauls Jets die Hörerschaft neugierig. Es handelt sich um verspielte Texte, die mit ihrer stimmigen Kombination aus Einfachheit und Individualität definitiv aus der momentanen deutschsprachigen Musiklandschaft herausstechen. Das Debüt “Alle Songs bisher” (erscheint am 22. März) ist jetzt schon eines unserer Lieblingsalben 2019.

Was genau ist Pauls Jets jetzt eigentlich: eine Band oder ein Solo-Ding?

Band würde ich nicht unbedingt sagen.. eher ein Projekt. Das ist garnicht so genau definiert, es ist so irgendwie in der Mitte. Eine Art Mischung, ein Hybrid zwischen beidem. Begonnen hat es als Solo-Experiment am Computer. Für niemanden gemacht, außer für mich selber. Mit meinem aktuellen Schlagzeuger haben wir dann irgendwann am Computer rumexperimentiert. Und dann irgendwann, als wir dann begonnen haben das Album aufzunehmen, war das auch ein Prozess, der daraus bestand halb am Computer, halb im Studio zu sein. Dann haben wir irgendwann die Romi, die Bassistin, dazu geholt, um einen breiteren Sound zu entwickeln. Vielleicht wird’s aber mal bisschen mehr eine Band werden, vielleicht auch weniger. Derzeit schaut es aber mehr nach Band aus.

Ihr haltet euch das also alles ein bisschen offen und klebt euch selbst kein Etikett auf. Und das merkt man ja auch an eurem Album. Mir ist persönlich aufgefallen, dass Ihr euch von Grenzen loslöst oder dass die diese ineinander verlaufen. Ihr greift auch mehrere Genres auf, beziehungsweise konnte ich die Songs beim hören nicht in eine spezielle Richtung einordnen, was ich sehr cool finde.

Ja auf jeden Fall ist das so. Der Grund Musik zu machen, war auf jeden Fall von Anfang an der, etwas anders anzugehen. Eher musikalisch und inhaltlich Grenzen verspielt auszuloten. Vieles an Musik wurde mir auch einfach zu langweilig.. ich hab dann irgendwann begonnen nur noch Money Boy zu hören, weil alles andere so öde und fad war. Das war so eine Phase. Der Song “Ich komme in den Park” ist zum Beispiel ein direktes Zitat aus einem Money-Boy-Song. Aber nur der Titel ist dem entlehnt, sonst nichts.

Gab es sonst noch prägende Phasen?

Also das allererste Lied, was entstanden ist, war “Alles Gute zum Geburtstag”. Das war glaube ich so ein Austesten, von wegen: was kann man alles mit Stimme und Computer machen. Und dann am Ende hört man diese Britpop Gitarren á la Blurr, sowas hab ich früher als Kind sehr gemocht. Dann gab es eine Zeit, in der ich viele depressive, traurige Lieder über die Liebe geschrieben habe. Über’s Trennen und über’s Nachdenken. Aber die meisten dieser Songs, die in dieser Phase entstanden sind, schafften es nicht aufs Album, weil sie irgendwann auch ausgebrannt waren in ihrer Depression. Ich glaube aus dieser Phase ist “Die Häuser schauen schief aus” als einziger Song übrig geblieben. Die Line “ich bin allein, aber das kann auch schön sein” ist vielleicht eine der schöneren, traurigeren Zeilen. Dann gab es auch so eine Phase des Fantastischen. Da ist auch das Villa-Lied entstanden und “Alle Songs bisher”. Dieser Song strahlt so eine filmische Atmosphäre aus und erzählt eine sehr plakative, romantische Story. Ich hab außerdem mal viel Rapmusik mit einem Freund gemacht, der eigentlich garnicht rappen kann, aber ein wahnsinnig toller Typ ist. Einer der lustigsten Leute, die ich kenne. Eines der Raplieder, die wir gemacht haben, ist auch auf der Platte.

“Du wirst noch schauen was alles Rap sein wird” feat. R€ktor Bust?

Genau der. Da war eigentlich schon viel fertig von dem Album und ich hatte viel Langeweile und hab eben Rap mit R€ktor Bust produziert. Es gibt auch auf YouTube viele Videos von ihm, die man sich ansehen kann. Jemand hat mal gesagt “das ist Cloud Rap, nur viel viel ärger”. Finde diese Aussage passt sehr gut.

Machst du dich mit dem Song ein bisschen über die Cloud-Rap-Szene lustig?

Eigentlich garnicht. Das müsste man aber eher R€ktor Bust fragen. Aber eigentlich machen wir uns nicht lustig, wir huldigen das mehr. Wir machen uns in unseren Songs über vieles lustig, zum Beispiel Politik, Liebe, Schlager-Ästhetiken und Auto-Tune. Aber eigentlich finde ich Cloud Rap im per se eine ganz ganz tolle Strömung, mit dieser unendlichen Stumpfsinnigkeit, die gefeiert wird. Diese Art und Weise, wie es vor allem so total einfach ist und total nichts heißt, das ist beeindruckend. Aber gleichzeitig ist es auch eine wahnsinnig demokratische Musik, die jeder machen kann. Man braucht kein teures Equipment, das gefällt mir wiederum sehr gut. Es ist eine Musikrichtung, die sich zum größten Teil nicht an klassische Vermarktung hält… Also irgendwo schon, aber ich denke im Herzen ist das eine ziemliche Punk-Bewegung. Ich werde jetzt zwar kein Cloud-Rap-Album machen, aber ich werde die Szene wohl weiterhin verfolgen.

»Man kann sich schon sehr verlieben in Songs, die von anderen sind. Aber man hat die Lieder noch näher bei sich, wenn man sie selber macht«

Wenn man heutzutage eigene Musik macht, lässt man ja seine Lieblingsmusik unweigerlich mit einfließen. Doch eigentlich will man ja oft am liebsten etwas neues erschaffen, was sich abhebt. Es ist jedoch total schwierig sich von dem ganzen loszulösen, wovon man inspiriert wird. Vor allem heutzutage. Wir leben ja in einem Jahrzehnt, wo sich die Musik irgendwie immer an dem Geist der vergangenen Jahrzehnte bedient. Vor allem im Indie-Bereich, der teils sehr stark in den 80ern und 90ern hängengeblieben ist. Wie stehst du dazu?

Ich fühle mich recht wohl in der Postmoderne der Musik. Das Zusammenbauen und alles finde ich sehr spannend. Wir können heute nichts neu erfinden und das ist auch gut so. Was ich auch gut finde ist Sachen zu kopieren. Weil im Prozess des Kopierens selber kann oft was lustiges entstehen. Wie bei “Kannst du noch”, da hat mich ein Arcade Fire Konzert voll geprägt. Ich hatte bei der Musik das Gefühl, dass sie zwar schon sehr poppig und eingängig ist, aber auch sehr viel Weite bereithält, zum Beispiel für lange Intros, für Groove-Parts und Snare Drums. Dann hab ich das eben ganz schamlos kopiert, aber nicht so, dass ich es eins zu eins nachgebaut hätte, sondern nur nach dem Gefühl, welches nach dem Konzert bei mir hängengeblieben ist. Daraus entsteht dann auch etwas, was eh wieder ganz anders ist. Das ist glaube ich eine gute Methode für Leute, die nicht wissen, was sie machen sollen. Im Endeffekt mache ich Musik, weil ich sie hier bei mir haben möchte. Man kann sich schon sehr verlieben in Songs, die von anderen sind. Aber man hat die Lieder noch näher bei sich, wenn man sie selber macht.

Glaubst du denn, dass das, was noch kommen wird, sich ans Debütalbum anlehnt?

Ich glaube schon, dass es sich daran anlehnen wird. Auch wenn ich das jetzt ganz hypothetisch sage, weil das ja noch dauern wird. Marco Wanda hat mal in einem Interview gesagt: “Egal wie stark man das Steuerruder von einem Segelschiff rumreist, das Schiff bewegt sich trotzdem nur 30 Zentimeter in die andere Richtung”. Eigentlich habe ich die Stricke ja in der Hand und könnte alles komplett rumreißen, aber ich glaube es ist schon gut, wenn viele Leute das erste Album mögen, dass ich dann auch mehr aus dieser Richtung geben möchte. Vielleicht wird’s auch viel kitschiger und schlechter werden. Womöglich schlechter, weil das erste Album ist eigentlich recht gut gelungen, wie ich finde. Aber so lange es uns Spaß macht, machen wir einfach weiter wie wir wollen.

Pauls Jets LIVE: 24.04: Golden Pudel / Hamburg | 25.04: Klunkerkranich / Berlin | 26.04: Heppel & Ettlich / München | 17.05: Stwst Stadtwerkstatt / Linz | 23.05: WUK / Wien