ADHS-Avantgarde und Streetstyle-Ästhetik – The Garden: Mirror Might Steal Your Charm

Fashion-Weeks sind ihre Pilgerfahrten, die Laufstege der Welt ihre Tempel. Hypebeasts und Streetstyle-Fetischisten verstehen sich schon seit Jahren als etwas wie eine eigene Subkultur innerhalb der „Hipster“- und Indieszene weltweit. Jedoch ist ihre Musikästhetik, geprägt von Cloud-Rap und Bedroompop noch nicht allzu definiert.

Wenn High-Fashion und Streetstyle Culture eine wirklich eigene Musikszene hätten, dann wäre sie ganz sicher „The Garden“: Androgyn wirkende Zwillinge aus Orange (Kalifornien), die bereits für Yves-Saint-Laurent und Balenciaga gemodelt haben und so ganz nebenbei die Avantgarde der Popmusik neu definieren.

Wyatt (Bass/Vocals) und Fletcher Shears (Drums/ Sampler) sind nicht nur modisch im kreativen Underground verwurzelt, sondern basteln sich als The Garden aus Hardcore, Drum’n’Bass, Noise-Punk und einer guten Prise DIY das zusammen, was für mich Teil der neuen Speerspitze der Popmusik ist. Da sich ihre Musik genau wie ihr Style jeder Genrebezeichnung entzieht, erfanden die beiden kurzer Hand einen eigenen Namen für ihre Ästhetik. „Vada-Vada“, so die Zwillinge, steht für völlige Freiheit von musikalischen Konventionen und absolute Entgrenzung der eigenen Kreativität, ganz wie in der Haute-Couture. Kurzum: Für The Garden ist musikalisch alles möglich. Und zu hören ist das vor allem auf ihrem neuen Album „The Mirror Might Steal Your Charm“, bei dem ihr Konzept zum ersten Mal voll zur Geltung kommt.

Waren ihre ersten EPs noch geprägt von sehr rohem, minimalistischen Noise-Punk-Sound mit Bass und Schlagzeug Elementen im Vordergrund, scheinen die beiden seit ihrem 2015 veröffentlichten Album „Haha“ immer mehr Gefallen an klanglichen Experimenten mit Samples und Synthesizern zu finden, welche auf ihrer neuen Platte Höhepunkt finden. Ihre musikalischen Wurzeln im Hardcore und Noise-Punk sind zwar durchgehend zu vernehmen (vor allem bei Tracks wie „Satllion“ und „Voodoo Luck“), werden aber angereichert mit Einflüssen aus 90s-Rave und Drum’n’Bass („A Message For Myself“, „Banana Peel“) sowie Hip-Hop („Good News“). Auch fast Indie-Poppig anmutende Melodien scheinen auf Songs wie „No Destination“ und „Call The Dogs Out“ durch eine dicke Schicht aus harten Drums und obskuren Samples von Spielzeuginstrumenten, die sich durch das ganze Album ziehen.

Dabei wirkt all das instrumentelle Chaos bis ins Detail geplant und gewollt, wie der Song „“ eindrucksvoll zeigt. Allein mit Samples eines Toy-Keyboards schaffen es The Garden hier eine Geschichte im Song zu erzählen, bevor er in einer Hardcore-Punk Explosion endet. Auf „Good News“ wiederum mutiert ein Telefonklingeln zum treibenden Riff, unterstützt durch gelegentliches Hundebellen. Details wie ein startendes Motorrad am Anfang von „No Destination“ gesellen sich immer wieder zu dieser unschuldig, fast kindlich-verspielt anmutenden Soundlandschaft aus billigen Keyboardsounds und 80s Synths, die durchgehend einen starken Kontrast zum harten, treibenden Schlagzeugspiel von Fletcher bildet. Trotzdem schaffen die Zwillinge es all die Gegensätze klangästhetisch so zu verarbeiten, dass nichts unhörbar oder allzu experimentell-zufällig wirkt und den Hörer überfordert. Im Gegenteil: Die Songs auf „Mirror Might Steal Your Charm“ laden zum Raven, Headbangen und bei genauerem Hinhören sogar zum Schmunzeln ein.

Die Texte sind gespickt mit schwarzem Humor und schelmisch-trotzig, was zeigt, dass die Zwillinge sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen: Eine der vielen Parallelelen zur Streetstyle-Culture aus der die beiden kommen.
Das Album hört sich so an, wie eine Kollektion von Vetements visuell wirkt. Unkonventionell, für den Mainstream unbrauchbar und dennoch innovativ und kreativ. Und genau wie bei Haute-Couture und Streetstyle finden hier Trends der kommenden Jahre ihren Anfang. Ob der stark von Genres aus den 90er Jahren beeinflusste Stil von The Garden das gegenwärtige 80s Revival einmal ablösen wird und ob wir in 2 Jahren in den angesagtesten Clubs der Welt wieder zu Drum’n’Bass raven werden, steht zwar noch in den Sternen, aber die Jungs lassen mich jetzt schon dafür fiebern.

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