Billig-Pop im Goth-Gewand – Pale Waves: My Mind Makes Noises

Meine Hoffnungen waren hoch, als ich Anfang dieses Jahres von einer jungen englischen Band namens Pale Waves hörte. Ich hatte mich anfangs zugegebenermaßen nicht allzu viel über die Newcomer informiert, doch die Stichworte Manchester, Dark-Wave und 80s, die ich im Presseecho wahrnahm, ließen mich aufhorchen. Sogleich dachte ich an die düsteren, kargen, ja fast postapokalyptischen Klanglandschaften von Joy Division und den bittersüßen New-Romantics Sound von The Cure.

Goth-Style und Ian Curtis Doubles

Mit der neuen Synthpop-Welle und dem 80s Revival im Kopf, war ich regelrecht hyped, als ich mich aufmachte, um Pale Waves live auf dem Southside-Festival zu sehen. Doch leider machte sich ziemlich schnell Enttäuschung breit: Abgesehen vom frühen 80s Post-Punk/Goth-Style der Sängerin Heather Baron-Gracie und der Schlagzeugerin Ciara Doran sowie den beiden Ian Curtis Doubles Hugo Silvani und Charlie Wood an Bass und Lead-Gitarre, war das, was sich mir bot das krasse Gegenteil von Dark-Wave oder gar Goth. Mit anderen Worten: Purer Teenage-Pop in seiner billigsten Spielart.
Etwas enttäuscht blieb mir nun nichts anderes übrig als auf das Debutalbum der Band zu warten und zu hoffen einen dunkleren Sound, passend zur Ästhetik der Band zu hören. Die schrill-poppigen Leadsingles gemischt mit düstererer Atmosphäre und einem melancholischen Gesamtsound, hätten ein durchaus hörbares Album ergeben, das ein wenig an einen unmöglichen Crossover aus New Order und Taylor Swift erinnert hätte.

Doch leider macht „My Mind Makes Noises“ auch die letzte Hoffnung darauf nieder, dass Pale Waves Goth oder auf irgendeine Weise Underground sind. Das Erstlingswerk der jungen Engländer offenbart sich bereits beim ersten Hören als unverschämt schrilles Teenie-Pop-Potpourri, das ihre 80s Goth/Postpunk-Ästhetik sofort als reine Fassade entlarvt. Der erste Song „Eighteen“ ist als klassischer early 2000s Pop-Rock-Verschnitt ala Avril Lavigne noch einigermaßen eingängig, doch was sich danach neben den recht mittelmäßigen Lead-Singles in mein Ohr bohrt, ist der pure Horror für jeden halbwegs wählerischen Musikhörer über vierzehn. Ein billigst produzierter Industrie-Standard Pop-Song nach dem anderen offenbart sich auf „My Mind Makes Noises“ dem Hörer, welcher schon nach weniger als der Hälfte des Albums von der unglaublich glattpolierten, schrillen Gesangsstimme Heather Baron-Gracies genug hat.

Das Album hat so viel mit 80s

Underground zu tun wie

Gustav Mahler mit 50 Cent

Das gesamte Album bildet einen kunterbunten Einheitsbrei und erweckt den Eindruck einen Song auf Dauerschleife zu hören, da nicht nur die Produktion einfallslos und ohne Blick über den Tellerrand des Top-40s Pop gehalten, sondern auch die Akkordprogressionen und Melodien der einzelnen Songs extrem ähnlich gestrickt sind. Der Gesamt-Sound des Albums hat so viel mit 80s Underground zu tun wie Gustav Mahler mit 50 Cent und entspricht in etwa einer schlecht produzierten Mischung aus dem aalglatten Indie von The 1975 und dem Mainstreampop von Taylor Swift. Ein Wille zur Originalität ist nicht ansatzweise zu erkennen, weder Soundtechnisch noch textlich. Gerade was die Texte angeht, scheinen Pale Waves alles zu vermeiden, was zu reflektiert oder gar erwachsen klingt und schreiben stattdessen einfach gestrickte Momentaufnahmen aus der Gefühlswelt 13-Jähriger Mädchen, welche wohl auch die Hauptzielgruppe des Albums darstellt.

Die simplen Melodien gepaart mit der einfallslosen Produktion werden dem Werk trotz alledem viel Radioplay, zumindest in Großbritannien, bescheren und einiges an Resonanz bei Londoner Vorstadt-Teenies finden. Zu mehr ist „My Mind Makes Noises“ leider nicht in der Lage. Im Gegenteil: Pale Waves zeigen mit ihrem Debütalbum, dass sie leider nicht die Zukunft des Goth oder Post-Punk als Subkultur oder gar sein Revival sind, sondern sein endgültiger Eintrittsschein in die Belanglosigkeit und den weichgespülten Mainstream. Von der düsteren, rohen Post-Punk Vision von Joy Division und The Cure bleiben hier nur eine leere Hülle, gefüllt mit dem Einheitsbrei der heutigen Charts. Traurig ist dies allemal, jedoch stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt. Ich bin gespannt auf das nächste Album. Oder vielleicht jetzt schon enttäuscht.

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