Jenseits des Alltags – Sea Moya im Interview über ihr Debütalbum “Falmenta”

Fast ein halbes Jahr zogen sich die drei Musiker um Sea Moya in die italienischen Alpen zurück, um dort eine geeignete Atmosphäre für ihre Musik einzufangen. Herausgekommen ist ein elektronischer Sound, der Einflüsse aus Krautrock, Afro-Beat und psychedelischen Elementen auf einem besonderen künstlerischen Level vereint. Nun hat die Band ihren nächsten Traumort gefunden: Montreal. Dort verpassten sie den Stücken auf ihrem Debütalbum “Falmenta” (erscheint am 12.10) die letzten Feinschliffe. Bassist Elias hat uns etwas zum Schaffensprozess erzählt, welcher mit den positiven Effekten der Isolation vom Alltag einhergegangen ist. 

Ihr habt an Eurem Debütalbum „Falmenta“ vier Jahre lang gearbeitet. Habt ihr Euch diese Zeit bewusst genommen?

Den Hut “Debütalbum” wollten wir uns tatsächlich länger nicht aufsetzen, um kreativ ganz ungezwungen und frei anzufangen. Wir wollten nicht von Anfang an nach Parametern wie Genre/Vibe/Thematik Musik schreiben. Die Ästhetik und musikalische Identität entwickelte sich dann durch die Erfahrungen der ersten beiden EPs ganz natürlich. Dementsprechend kam der Schritt Album dann auch ganz von selbst, einfach weil wir Lust hatten einen größeren Rahmen für unsere Collage an Inhalten, Sounds und Erfahrungen zu schaffen.

Wie ist es, wenn man so viel Zeit zur Verfügung hat, um etwas zu erschaffen? 

Zeit .. schwieriges Thema, grundsätzlich immer ein Gut, das gefühlt nicht existent ist in unserer «ach so busy und adventurous» Generation. Und hier sind wir definitiv auch Teil von, haha. Der intensive Album Schreibe- und Recording-Prozess war dann doch recht kondensiert auf einige intensive Wochen, dann waren wir wieder auf Tour etc. 

Seid ihr im Endeffekt zufrieden?

Ob die Zeit-Variable nun direkte Auswirkung auf die Zufriedenheit hat wage ich zu bezweifeln, weil man sich damit nur mehr Zeit verschafft um tatsächlich an der Kunst zu zweifeln. Und “zufrieden” ist doch heute eh niemand mehr, oder? Haha. Abseits der vielschichtigen Dinge, die wir gelernt haben und eventuell nun anders machen würden, sind wir definitiv froh mit der Platte wie sie letztendlich nun in Plastik geschnitten wird. Ein absurder, schöner und befreiender Moment, wenn man sich die finalen Masters so anhört!

Durch das ‘Rausgerissen-Werden’ aus dem Alltag, befasst man sich etwas bewusster mit Musik 

Ihr habt Euch für das Album ins gleichnamige, italienische Dorf „Falmenta“ zurückgezogen. Wie kam es dazu, dass ihr Euch genau diesen Ort ausgesucht habt?

Wir konnten durch eine sehr glückliche Fügung das “Rustico” (ein kleines, aus rohem Stein aufgeschichtetes Berghäuschen) eines Freundes anmieten, um dort mehrere Wochen im Herbst 2016 und mehrere Wochen im Frühjahr 2017 zu verbringen. Der Ort Falmenta, oberhalb des Lago Maggiore, war uns davor schon bekannt und strahlte diese unantastbare Ruhe und Gelassenheit aus. Unser Rustico stand etwas weiter außerhalb am Berg und dadurch konnten wir ohne Beschwerden Musik machen. Wir haben dann jeweils unsere Instrumente und das Nötigste Recording-Equipment in unseren Bulli gepackt und in der Hütte aufgebaut. Durch die andere Umgebung, das ‘Rausgerissen-Werden’ aus dem Alltag, unterirdischem Handy-Netz und verdammt schöner Natur und gutem Essen, kommt man dann doch schnell auf andere Ideen, spricht intensiver über Themen, die einen beschäftigen und befasst sich etwas bewusster mit der Musik.

Anfang des Jahres seid ihr nach Montreal gezogen. Ist dies ein Ort, an dem ihr nun länger bleiben wollt?

Das erste Jahr in Montreal wird definitiv nicht das Letzte sein. Wir sind gerade viel unterwegs und kommen im Herbst und Winter dann nach Deutschland und Europa um Konzerte zu spielen. Was das nächste Jahr dann bringt, hängt von so vielen Faktoren wie Visa Applications und Tourplänen ab, dass wir uns da im Kopf besser erst gar nicht wirklich festlegen wollen, haha. Fakt ist, Montreal gefällt uns auf sehr vielen Ebenen und wir würden gerne mehr Zeit hier verbringen.

Für die Verwirklichung der eigenen Kunst alles hinter sich zu lassen erfordert viel Mut. Viele haben schon oft mit dem Gedanken gespielt, trauen sich aber nicht, so etwas in die Tat umzusetzen. Wie habt ihr Euch dabei gefühlt? Hattet ihr Zweifel oder bereut ihr etwas?

Es war verrückt, definitiv. Der Gedanke aus Deutschland wegzuziehen, schwirrte schon länger in unseren Köpfen umher. Als es dann aber Realität wurde, passierten so viele Dinge auf einmal, dass man selbst wie in einem Zeit\Raum Verzerrungstunnel zwei Monate bloß alles an sich vorbei rauschen sieht und plötzlich sitzt man in Montreal auf seinem neu (alt) gekauften, weird wackeligen und viel zu weichen Bett und fängt dann erst retrospektiv an das zu verarbeiten. Zweifel kommen da natürlich immer mal auf, das gehört vermutlich zum gesunden Menschenverstand. Reue spielt da aber bei keinem von uns mit. Sowohl auf persönlicher, wie auch auf musikalischer Ebene hat uns der Umzug und der damit verbundene Neustart sehr gut getan.

Wie war es plötzlich einen völlig anderen Alltag zu haben, ohne die üblichen Gewohnheiten und ohne Internetzugang und generellen Kontakt zur Außenwelt?

Naja, ganz so romantisch kann man das dann doch nicht stehen lassen. Letztendlich geht man am Tag nach Ankunft in der unterirdischen Mall vorbei und schießt sich ne SIM-Karte, die ne halbe Stunde später freigeschalten ist, um erstmal ausgiebig Video Calls mit den Besten zu feiern. Das legt sich dann aber auch wieder nach der ersten Hysterie-Welle und dann geht die extrem befreiende und intensive Phase los, sich sein neues soziales, kreatives und geografisches Umfeld aufzubauen. Hier schlummert riesiges Potential zur persönlichen Weiterentwicklung. Man steht nun mal am Anfang allein in der Szene-Kneipe (zumindest sagen das Internet oder irgendwelche Freundesempfehlungen das) und es liegt in der eigenen Verantwortung, ob man nach ‘nem Bier wieder den Heimweg durch meterhohen Schnee antritt, oder Leute anquatscht und von fünf vielleicht ein oder zwei Personen dabei sind, mit denen man sich wieder trifft. Diese Situationen halten einem sehr klar den Spiegel vor Augen, wie es um die eigene Persönlichkeit steht.

Wie haben Eure Mitmenschen auf euren Ausstieg aus dem Alltag reagiert?

Der Großteil reagierte begeistert, von Familienseite älteren Semesters kamen natürlich auch kritische Fragen.

Habt ihr dadurch soziale Kontakte in eurer Heimatstadt verloren?

Die random Person, die man halt immer an der Ecke trifft und sich kurz austauscht, verliert man definitiv. Findet man aber auch schneller wieder, als man denkt (und einem manchmal recht ist). Mit den wichtigeren Personen im Leben findet man aber doch eine Kontaktform, die sich gut anfühlt für beide Seiten. Diese ganze moderne Kommunikationstechnik mit Chat/Call/Video-Kontakten auf zwanzig verschiedenen Kanälen bekommt immer viel Kritik ab, wir profitieren jedoch unglaublich davon. Auch wenn nichts über ein gutes Gespräch physisch in einem Raum geht, kann man heute trotzdem emotional sehr nah bei Menschen sein, ohne die geografische Nähe.

Wir lassen uns gerne durch die direkte Umgebung und die Geschehnisse unserer Zeit inspirieren.

Sollte jeder Künstler für eine gewisse Zeit raus aus seinem gewohnten Umfeld kommen? Meint ihr, das ist die Grundessenz für erfolgreiches, künstlerisches Schaffen?

Schwer zu sagen, dazu würden wir uns nicht anmaßen wollen, irgendjemandem hier Tipps zu geben. Rein auf uns bezogen können wir definitiv bestätigen, dass es uns künstlerisch deutlich weitergebracht hat. Erfolg, don’t know. Witzig, dass du die Grundessenz erwähnst. Der Song LITE. (ausgeschrieben “Love Is The Essence.”) gibt hier Einblick auf unsere Gedanken zur Thematik. Letztendlich ist das bei jeder Person unterschiedlich und man muss nur seinem Herzen folgen. Darauf zu hören, auch wenn es manchmal verwirrend erscheinen mag, ist doch ein guter Anfang.

Glaubt ihr, euer Album hätte eine ähnliche Klangfarbe bekommen, wenn ihr es in Deutschland oder vielleicht ganz wo anders aufgenommen hättet?

Definitiv! Wir lassen uns gerne durch die direkte Umgebung und die Geschehnisse unserer Zeit inspirieren. Die Realität im Mannheimer Industriehafen sieht dann natürlich ganz anders aus, als die Bergflanke im Valle Cannobina. Es gibt definitiv MusikerInnen und KünstlerInnen, die sich davon komplett lösen können und in ihrem Geist die Inspiration finden. Hier gehören wir nur bedingt dazu.

Der Song „Palmy Clouds“ erschien bereits auf Eurer EP „Baltic States“. Wie kam es dazu, dass ihr ihn nochmal überarbeitet habt?

Wir verbinden mit „Palmy Clouds“ einen sehr starken Moment mit unserem damaligen Trip durch die Baltischen Staaten. Damals hatten wir einen Stromgenerator für das Studio dabei und konnten so mit unserem Bulli an die entlegensten Strände fahren, die Instrumente auspacken und aufnehmen. An einem wunderschönen Abend entstand so „Palmy Clouds“ und hatte seitdem immer eine besondere Rolle für uns inne.

Was ist Euer Lieblingssong auf „Falmenta“?

Hmm, klar, bei zwölf (auf Kassette dreizehn) Kindern hat man vielleicht ein oder zwei, bei denen es mal häufiger rumpelt, aber das Lieblingskind wird es hoffentlich nie geben.

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