Ein Album wie eine 1977er Mercedes S-Klasse: Parcels Debütalbum

Dunkelgrüne Ledersessel, Wandtäfelungen aus dunkler Eiche. Auf einem kleinen, afrikanischen Beistelltischchen qualmt eine dicke kubanische Zigarre vor sich hin. Umgeben von Geschäftsmännern mit monströsen Kotletten genieße ich in Schlaghose und Rollkragen gekleidet meinen White Russian. Die Luft riecht nach Zigarettendunst und Aftershave, im Hintergrund läuft Parcels.

Das gleichnamige Debütalbum der fünf Australier mit Wahlheimat Berlin ist nicht nur der perfekte Soundtrack für eine 70er Jahre Motto-Party, sondern lässt den Hörer in eine andere Zeit und Mode eintauchen wie kein anderes Album. Parcels schaffen es mit einer ungemein originellen Melange aus 70s-Adult-Contemporary, Softrock und Kokain-getriebenem Disco-Funk alá David Bowie eine ganz spezifische Ästhetik der 70er Jahre, fernab von Progressiv-Rock oder Punk einzufangen: Es ist die gehobene, erwachsene, luxuriöse Seite der 1970er. Es ist die Welt der dieselschluckenden Straßenkreuzer, der Cocktailpartys mit kaltem Hund, der zigarrenrauchenden Gentlemans, in die Parcels den Hörer mitnehmen.

Mit der perfektionistischen Präzision von Steely Dan legen sie einen treibenden Funk-Beat nach dem andern hin, ohne dabei zu mechanisch zu wirken oder gar zu langweilen. Dabei sind es die Details, die das ganze Album hindurch die unglaubliche Kreativität der Band offenbaren. Jedes Instrument tut das was es soll, kein Ton ist unnötig verschwendet, alles an seiner Stelle wie bei einer Symphonie, wie bei einem Präzisionsuhrwerk, das unerlässlich tickt. So schaffen es Parcels einem mit einer einzelnen E-Piano Spur Gänsehaut zu verschaffen und gleichzeitig zum Tanzen zu animieren. Einflüsse aus Exotika, Kaufhausmusik und Smooth-Jazz mischen sich angenehm in das große Ganze und unterstreichen die gehobene, luxuriöse Klang- Ästhetik des Albums an genau den richtigen Stellen und wirken dabei genauso gewollt und perfekt wie jedes andere Detail, mit dem die Australier ihr Erstlingswerk anreichern.

Die Instrumentierung mäandert dabei zwischen wunderschön analogen Vintage-Keyboards, analogen Drum-Machines und funkiger Disco-Gitarre unterstrichen von harmonischem Bee-Gees-Kopfstimmengesang. Die Texte gleichen den Gesprächsthemen eines Gesellschaftsabends und bewegen sich zwischen belangloser Nostalgie und Smalltalk, passend zur Musik und deren Atmosphäre. Songs wie „Exotica“ oder „Yourfault“, die neben den Singles „Lightenup“ und „Tieduprightnow“ anfangs wie Füllmaterial wirken, stellen sich bereits nach dem zweiten Hören als gekonnte, kleine Meisterwerke heraus, die das Album genau richtig ergänzen und es auf seiner ganzen Länge zu einem Stimmigen Gesamterlebnis machen. Parcels geht es dabei ganz gezielt nicht um die Einzelwirkung der Songs, sondern um eine Gesamtästhetik, die nicht nur ihr Debutalbum ausstrahlt, sondern auch die Band selbst, wie sich in dem Artwork des Albums ebenfalls wiederspiegelt.

Zusammenfassend ist „Parcels“ ein Album wie eine Luxuskarosse aus den 70ern: Elegant, handwerklich meisterlich hergestellt und ein ästhetisch zeitloses Gesamtkunstwerk. Eines der besten Debuts der letzten Jahre und der Startpunkt für eine hoffentlich lang andauernde Karriere der Wahlberliner ist es ohnehin. Darauf bestelle ich mir eine Zigarre mit Whiskey. Versprochen.

(Foto Credit: Antoinne Henault)

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