Clairo: Immunity Emotionen aus dem Kinderzimmer

Aus einem Kinderzimmer irgendwo in Massachusetts, zu einem Soundcloud-Track singend, zeigte sich Claire Cottrill alias Clairo 2017 zum ersten Mal der Musikwelt. „I could be a pretty girl, shut up when you want me to“, lautete eine Zeile aus dem Song, welcher bald nicht nur in allen Urban Outfitters Filialen, sondern auch auf den Kopfhörern der Kunden laufen sollte. Ihren Mund halten sollte Clairo tatsächlich nicht, denn ihre DIY-Internet-Ästhetik gepaart mit einer engelsgleich unschuldig klingenden Stimme trafen direkt in die Herzen unserer Generation. Nun veröffentlicht sie knapp zwei Jahre später als Indiepop-Star mit „Immunity“ ihr Studio-Debut, welches zum ersten Mal zeigt, dass sie viel mehr ist als bloß ein gehyptes Internet-Phänomen.

„Immunity“ wartet bereits beim ersten Hören mit einer eindringlichen, sehr intim wirkenden Klangästhetik auf, die man als Hörer zunächst so nicht erwarten würde. Die dichten Drummachine-Beats, die spärlichen 80er-Synthesizer und der Indie-Pop-Stil, welche noch auf der letztes Jahr veröffentlichten EP „diary 001“ ihren typischen Sound dominierten, weichen etwas viel Subtilerem, Organischerem. Dafür sorgt vor allem Rostam Batmanglij, ehemaliger Keyboarder und Gitarrist von Vampire Weekend, welcher die Platte sowohl im Alleingang produziert als auch gemixt hat. Zusammen mit ihm macht sich Clairo das Tonstudio zu ihrer eigenen kleinen Welt, zu einem kreativen Experimentierfeld: Kleine Details wie Kinderstimmen oder ein plötzlich und unerwartet einsetzender Fuzz-Effekt auf den Gitarren werden zu integralen Teilen von Songstrukturen, scharfe Trap-Hi-Hats und brodelnde Synth-Bässe gehen Hand in Hand mit schimmernden Gitarrensounds, die manchmal klingen wie einem auf dem Flohmarkt gefunden Verstärker entlockt. In einem Moment umschmeicheln halliges, offen klingendes Schlagzeug und ein verstimmtes Piano die mädchenhaft softe Stimme Clairos, im nächsten wird sie von Autotune und Chorus-Effekt verzerrt zu einer digitalen Imitation ihrer Selbst verkehrt. Verträumte Synthesizer-Teppiche schmiegen sich währenddessen  im Hintergrund weich wie Zuckerwatte an die Ohren, während man das Gefühl hat, Clairo lese einem Alltagszenen aus ihrem Tagebuch vor. „Immunity“ ist Popmusik in ihrer introvertiertesten, intimsten Gestalt. Fragil, verletzlich und zugleich enorm ergreifend und nachempfindbar wirken die Songs, die nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten Hören ihre ganze Wirkung entfalten, sondern erst mit der Zeit ihre unaufdringliche Schönheit offenbaren. Nie stehen große Hooks oder treibende Beats im Vordergrund, nie wirkt dieses Debütalbum radiotauglich. Und das ist es doch.

Clairo gibt uns auf „Immunity“ zusammen mit Rostam Popmusik, die ganz anders ist und doch zeitgenössisch wirkt. Damit zeigt sie sich zum ersten Mal als ernstzunehmende Musikerin mit hohem künstlerischen und vor allem ästhetischen Anspruch, der eines der besten Debütalben des Jahres gelungen ist. Internet-Phänomen? Das war mal.

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