Bulgakows unmögliches Opus: Der Meister und Margarita

Einer der größten russischen Satiriker, sein Werk zu Lebzeiten verpönt: Michail Afanassjewitsch Bulgakow. Sein berühmtester Roman wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht – ihn umhüllt bis heute eine verzauberte Mystik.

Moskau zu Anfang des 20. Jahrhunderts: Die Straßen sind laut und chaotisch. Nichtsahnend sitzen der Dichter Iwan Nikolajewitsch und Michail Berlioz auf einer Parkbank an Patriarchenteichen. Ihr Gespräch wird durch einen “Fremden” gestört. Dieser Jemand stellt sich ihnen als Voland vor, der Teufel höchstpersönlich, und entfacht gleichauf größte Verwirrung. Iwan und Berlioz glauben ihm kein Wort, denken er sei geisteskrank oder ein Lügner. Auch seine Geschichten, seine Anwesenheit bei der Kreuzigung Jesu Christi und andere wahrhaftige Geschichten, die seine Identität belegen sollen, streiten die beiden ab. Als Voland daraufhin voraussagt, was in den nächsten Minuten geschehen wird, nimmt das Chaos langsam seinen Lauf und löst eine Kettenreaktion von Geschehnissen in ganz Moskau aus. Die Bürger sind ratlos und versuchen sich mit der Erklärung zu beruhigen, dass alles auf übelster Hypnose basiert. Voland und seine Gehilfen Assello und Behemoth (ein schwarzer Kater von 1,40m Größe, der auf zwei Beinen geht) ziehen den Moskauern wortwörtlich die Hosen runter und entblößen das wahre Gesicht der Stadt.

Illustration von Sergej A. Alimov, um 1950

“Der Meister und Margarita” dürfte vielen bekannt sein, immerhin reiht er sich unter den größten Literatur-Klassikern des 20. Jahrhunderts ein. Zwölf Jahre schrieb Bulgakow an diesem Roman (1928-1940). Doch was macht ihn aus? Angefangen beim Provokationsfaktor: Bulgakov kritisiert mit scharfsinnigem Humor auf der einen Seite die Bürokratie und Infrastruktur der damaligen Sowjetunion, auf der anderen Seite die Werte der Gesellschaft. Gut und Böse, Gier und Selbstlosigkeit, Wahnsinn und Verstand, Leben und Tod, Hass und Liebe werden karikiert gegenübergestellt. Ein entscheidender Handlungsort: die Wohnung Nummer 50 in der Sadowaja 302b, die tatsächlich existierte (immer noch) und in der Bulgakov gelebt hat – heute beliebte Touristenattraktion.

Der Roman lässt sich in zwei Teile gliedern: Die erste Hälfte thematisiert das Ankommen Volands mit seinen Gefährten und all die seltsamen Vorkommnisse, die sich darauf folgend in Moskau zutragen. Parallel dazu lernen sich der Dichter Iwan Nikolajewitsch und der Meister in einer psychiatrischen Klinik kennen. Der Schauort Moskau wird während der Erzählung einige Male durch Jerusalem ersetzt: Pontius Pilatus und Jesus spielen auch eine wichtige Rolle im Roman, die am Ende aufgeklärt wird. Ab der zweiten Hälfte kommt die mystische Reise erst richtig in Fahrt, als der Leser aus der Sicht von Margarita auf einen wortwörtlichen Höhenflug mitgenommen wird.

Illustration von Sergej A. Alimov, um 1950

Den Roman einem Genre zuzuordnen erweist sich als äußerst schwierig. So sind denn sowohl Elemente aus Drama, Satire, Horror, Historik, Erotik und Fantasy vorzufinden. Durch diese Vielfältigkeit an Kategorien könnte man meinen, es fällt schwer den Roman vom Papier auf die Leinwand oder die Bühne zu übertragen. Doch bietet es sich aufgrund der expressiven Charaktere und brillanten Dialoge nicht geradezu an, die Geschichte filmisch oder theatralisch umzusetzen? Durchaus. Allerdings wäre alles unter einer Mindestlänge von drei Stunden nicht ausreichend, die Geschichte wäre so nicht auserzählt und womöglich unvollständig. Durchaus gibt es gute Theaterumsetzungen, wie zum Beispiel 2018 im Theater Rudolstadt von Niklas Rådström. Dabei diente eine Spiegelinstallation auf der Bühne für die Umsetzung der häufigen Ortswechsel. Filmisch wurde das Werk in Russland seit den 70ern mehrfach umgesetzt, doch leider mit zu viel Kitsch und ohne künstlerisch hochwertigen Komponenten, wie die für das Fernsehen produzierte Serie von Wladimir Bortko (2005), welche die Geschichte quasi Wort für Wort erzählt, jedoch nur Aufmerksamkeit vom russischen Publikum bekam.

Wäre es eventuell an der Zeit, dass sich Produktionsfirmen wie Netflix, Amazon Prime, o.Ä. in Zeiten von all den Hommage Hexen-, Vampir- und Luzifer-Serien an die Romanvorlage “Meister und Margarita” herantrauen? Denkbar wäre es auf jeden Fall und vielleicht auch einen Versuch wert.

Illustration von Sergej A. Alimov, um 1950

Doch vielleicht sollte die Geschichte ihre größte Magie in Buchform bewahren. So thematisiert Bulgakow im Roman ja auch explizit die Bedeutung und Symbolik eines Manuskripts und dem geschriebenen Wort auf Papier. Vielleicht ist es am besten, wie auch bei vielen anderen Romanen, wenn die Geschichte vom Meister und Margarita sich weiterhin vor dem geistigen Auge jedes einzelnen Lesers entfaltet.

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