Zwischen Melancholie und Witz: Lisa Schmidt-Herzog

Lisa Schmidt-Herzog (aka Frau Schmerzog) lebt in Berlin und schreibt – vor allem Lyrik. Irgendwo zwischen Witz, Wahnsinn und Melancholie nehmen ihre Worte Platz ein. Wir sprechen über ihren Stil, das Selbst und über Meditation.

Mit 22 hat sich Lisa ihr erstes, “richtiges” Notizbuch gekauft. Davor hat sie bestimmt zehn Jahre lang nichts mehr geschrieben, so sagt sie. Schreiben fand sie aber immer schon “sehr schön” und wollte das auch immer sehr gerne. “Ich wusste nur damals nicht, dass wenn man Schreiben möchte, man es ja vorher üben muss. Heisst, man hat also erstmal eine ganz lange Zeit, in der man Dinge fabriziert, die dann eben noch nicht wahnsinnig gut sind.”

Ohne Titel, 17.01.2020

Der bewusste Schreibprozess setzte bei Lisa in ihren frühen Zwanzigern wieder ein. “Das war aber noch nichts wirklich regelmäßiges. Mehr ein Sammelsurium. Ein paar geschriebene Fetzen alle sechs Monate. Jetzt schreibe ich manchmal ein Gedicht in fünf Minuten”. Das damals hatte sie auch nie jemandem gezeigt. “Das hat einfach noch nicht meinen eigenen Erwartungen entsprochen, das war noch nicht Ich.”

Lisa und ich im Café Surprise: im Berliner Osten stolpert man manchmal in die 80er Jahre.

Durch immer mehr positivere Resonanz von außen wurde Lisa sich mehr und mehr ihrem individuellen Stil bewusst: “Meine Gedichte changierten immer zwischen witzig und pathetisch. Das ist immer noch ein bisschen mein Rezept. Ich weiss, dass mein Stil auch manchmal wirklich absurd ist. Meine Fantasie ist groß und lässt sowohl Monster, als auch unfassbar komische Dinge entstehen. Das ist eine jahrelange Arbeit das auch zuzulassen. Natürlich gibt es auch sehr viele Leute, die es einfach nicht verstehen. So wie es eben auch immer viele Leute geben wird, die nicht kunstaffin sind und überhaupt nicht verstehen, wieso man sich so ausdrückt. Aber irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem einem das völlig egal wird, weil man selbst eine so tiefe Verbundenheit zu diesen Dingen verspürt.”

Ohne Titel, 01.02.2020

“Ich glaube nicht, dass ich irgendwann meinen Humor und meine Schwere verlieren werde”

Der kreative Prozess ist für viele wie ein Rausch, der einen aus dem Nichts überkommt. Als ob das, was entsteht, wie von Geisterhand geschaffen wird. Die Muse, die Inspiration… wie auch immer man diese Kraft nennen mag, dieser Prozess hat etwas magisches. Lisa meint dazu:

“Es durchfließt mich einfach. Manche Einfälle kommen mir selbst so absurd vor, als ob sie nicht mir selbst eingefallen sind, sondern jemand anderem. Dann bin ich selbst voll geflashed. Ich glaube, das hat was mit Ekstase zu tun. Dass man sich verliert und dann wieder zu sich selbst findet. Eine Erfahrung, die zB auch Paul Klee in einem seiner Tagebucheinträge schilderte: er weiss nicht, ob die Bäume ihn ansehen oder ob er die Bäume ansieht. Er schrieb, es fühle sich nicht an, als würde er selbst malen, sondern ‘Es’ malt. Das ist genauso im kreativen, lyrischen oder philosophischen Schreibprozess. Auch Lichtenberg spricht vom “Es”. Das Es schreibt mich, sagt er. Man selbst ist dann quasi Kurator vom eigenen Prozess.”

Momentan schreibt Lisa sehr viel. Jeden Morgen und Abend Tagebuch. “Das geht von meinen Träumen, über Beobachtungen, bis hin zu Prosa. Das hilft beim freien assoziieren und geht gegen dieses Denken, was einem zB in der Schule beigebracht wird, von wegen ‘erst nachdenken, dann reden’. Aber Nein! Bitte nicht nachdenken bevor man Kunst macht!”

“Ich denke, es könnten viel mehr Menschen kreativ sein”

Man kann sagen, dieser Prozess kommt dem Effekt der Meditation gleich. Wenn man es richtig macht und sich drauf einlässt, strömen die Gedanken ungefiltert aus dem Hirn und man wird zum außenstehenden Beobachter. Lisa sieht in der Meditation zudem mehr als bloß Entspannung: “Ich begreife Meditation als etwas, was einem nicht nur Entspannung bringt. In der Meditation musst du dich ja zudem damit auseinandersetzen, was dir auch für furchtbare Gedanken kommen, wenn du dich eine halbe Stunde hinsetzt und nichts tust. Dann ist der Geist auf das gestellt, was kommt, wenn er nicht abgelenkt wird. Dann kommen alle möglichen Gedanken. Dann musst du dich mit deinen ursprünglichen Impulsen und Trieben auseinandersetzen, es aushalten und es nicht von vornherein alles drosseln.”

Nicht jeder, der sich irgendwie non-conform verhält, hat sein wahres Selbst gefunden”

Ohne Titel, 28.02.2020

“Ich denke es könnten viel mehr Menschen kreativ sein. Die meisten Menschen beschneiden sich selbst aus Angst davor, was alles furchtbares und irrationales da auf sie zukommen könnte.”

Viele haben vielleicht auch Angst davor, ganz sie selbst zu sein und wie dies bei anderen Menschen ankommen wird. Sie haben Angst ihr wahres Gesicht zu zeigen. Doch hat man zu sich Selbst gefunden, wenn man so individuell wie möglich lebt und seine eigenen Regeln erfindet? “Nicht jeder, der sich irgendwie non-conform verhält, hat sein wahres Selbst gefunden. Wer einfach nur radikal die spiegelverkehrten Werte lebt, die eine Gesellschaft ihm vorgibt, der ist deswegen nicht individueller, als diese Gesellschaft. Sondern er lebt es einfach spiegelverkehrt und immer noch mit der Orientierung an diese Werte und denkt im Zweifel wahrscheinlich auch nicht darüber nach, was ihm selber entspricht.”

Lisa Schmidt-Herzog lebt in Berlin und schreibt. Besucht sie auf ihrem Instagram-Kanal um mehr von ihr und ihren Texten zu bekommen: https://www.instagram.com/frauschmerzog/

Fotos & Text: Nicole Stieben

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