MGMTs „Little Dark Age“ und die Ästhetik unserer Eltern

Hätte man mir vor ein paar Jahren gesagt, dass die 80er zurückkommen, hätte ich wahrscheinlich lauthals gelacht. Vokuhila? Haarspray Frisuren? Neon? Ihh. Das waren Geschmacksverirrungen, die ich von peinlichen Jugendfotos meiner Eltern kannte. Allgemein: Die 80er waren peinlich…auch die Musik zu der meine Mutter, wenn sie im Auto saß, gerne mitsummte und sich dabei an die Jugenddisko `82 erinnerte. Michael Jackson, Nena, Depeche Mode: Die 80er Ästhetik unserer Eltern galt schlichtweg als zu grell, zu speziell und zu künstlich, als dass sie unter uns Millenials ein Revival schaffen könnte.

Doch 2015 kam dann mit Von Wegen Lisbeths Debut-EP „Und plötzlich der Lachs“ und Bilderbuchs Album „Schick Schock“ Mucke aus der Indie Szene ans Licht gekrochen, die anders war als sonst. Neu und irgendwie auch vertraut. Sie gefiel mir! Und meinen Eltern auch. Es sah ganz danach aus, als wäre der „Neue-Deutsche-Welle-Sound“ plötzlich von den Toten auferstanden und stärker als je zuvor. Quasi „Neo-Deutsche-Welle“. Plötzlich trugen auch all die schicken Hipster in Berlin die Neon-Trainingsjacken, die meine uncoolen Eltern auf den alten Polaroids anhatten. Plötzlich suchte jeder im Secondhand Laden seines Vertrauens nach einer ausgewaschenen Jeansjacke. Und siehe da… plötzlich waren auch Kassetten wieder cool.

Was sich in der Künstlerszene, dem Underground und der Indie Szene schon etwas früher abbildete, kam spätestens 2016 ans grelle Licht des Mainstreams. Der mit seinem Tod aufgekommene allgemeine Berlin-Bowie-Fetischismus läutete den endgültigen Durchbruch der Mode des Neon-Jahrzehnts, sich niederschlagend in Bomber- und Jeansjacken tragenden 13 Jährigen Mädchen, ein. Plötzlich war er wieder überall, der Gated Reverb, der den Drum Sound der 80er einst unverkennbar machte. Auf einmal wollte ihn wieder jeder kaufen, den Yamaha DX7, den Synthesizer der mit seinem glockigen E-Piano Sound die Balladen der damaligen Zeit so wunderschön weichgespült klingen lies. Im Kino lief „IT“, auf Netflix Stranger Things. Nun müssen wir es uns alle eingestehen: Die 80er sind wieder da….und werden es auch 2018 noch sein. Mehr als denn je, was MGMTs brandneues Album „Little Dark Age“ eindrucksvoll beweist.

Die Jungs von der amerikanischen Ostküste, die inzwischen auch nichtmehr so jung sind, waren 2008 aus den tiefen Wassern der Psychedelic-Freak-Rock Szene aufgetaucht und hatten der Welt drei Superhits mitgebracht, die auch heute, 10 Jahre später, noch regelmäßig im Radio zu hören sind: „Time To Pretend“, „Electric Feel“ und vor allem der Party Standard „Kids“ schlugen ein wie eine Bombe. Nur MGMT tauchten vom Erfolg überwältigt und damit überfordert wieder ab in ihre Szene, wo sie bis Ende des letzten Jahres blieben.

Da droppte nämlich „Little Dark Age“, die erste Single aus ihrem gleichnamigen Album. Und ich muss zugeben, der Song haute mich um. Nicht nur weil er, verglichen mit den letzten Veröffentlichungen des Duos, erstaunlich poppig klang, sondern auch weil seine Sound Ästhetik perfekt in die heutige Zeit passte. Alle Oldschool-Gothik Klischees alá The Cure zusammen mit einer Prise Industrial-Synth-Pop ganz nach Depeche Mode in einen Song gepackt. Wenn das mal nicht Neo-80s ist! Nun ist das zugehörige Album draußen und es hört sich an wie der feuchte Traum eines jeden Millenials. Und sieht auch so aus: Verpackt in ein gewollt laienhaft wirkendes, quietschgelbes DIY-Artwork mit einem verpixelten, digital verwaschenen Bildchen auf dem Cover, bietet es erstaunlich junge, aktuelle Texte über digitale Abhängigkeit („TSLAMP“), die Abgründe des Internets („Little Dark Age“) und gescheiterte Beziehungen („She Works Out Too Much“). Schlicht gesagt Texte über den Alltag unserer Generation. Dabei schaffen MGMT es trotz der eingängigen Melodien und der bunten, synthie-lastigen Produktion kein bisschen billig oder künstlich zu klingen und sich zu sehr dem radiofreundlichen Pop hinzugeben. All die 80er Pop Klischees werden eher überzogen, fast persifliert und vor allem intelligent zur Gestaltung der Gesamtästhetik des Albums eingesetzt. Es wirkt als hätten Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser sich in ein seit 30 Jahren ungenutztes, verstaubtes Studio voller frühem Digital-Equipment, einem alten Roland Drum-Computer, einem Yamaha DX7 und einem riesigen Vorrat an Drogen aller Art begeben um einfach draufloszuschreiben.

Unglaublich einheitlich, fast wie ein Konzeptalbum über das Neon Jahrzehnt aus der Sicht eines jungen Menschen von heute klingt „LDA“. Den kreativen Höhepunkt des Albums bildet dabei der instrumentelle Synth Freak-Out von „Days That Got Away“. Fast wie bei Ambient Gott Brian Eno (dem die Band bereits 2010 einen Song widmete) überlagern sich hier, begleitet von der stilechten analogen Drum-Machine, spacige (manchmal fast metallisch-industriell) wirkende Klänge, die höchstwahrscheinlich einem Yamaha DX7 entstammen. Das immer wiederkehrende, digital klingende Gesangssample ergänzt den Song dabei ungemein und lässt ihn ein bisschen wie eine komprimierte Neuauflage des 80s Dance Klassikers „Zoolook“ von Jean-Michel Jarre gepaart mit „Techno Pop“ von Kraftwerk wirken. Dieser altbekannte DX7 Sound, vor allem im Bass, in Kombination mit dem genannten Drum-Computer dominiert einen Großteil der Songs auf „LDA“, wobei „When You’re Small“ mit seinem sehr nach Syd Barrett klingendem Gesang, Bowie-Streichern und einem eher den 70er Jahren nachempfundenen, trockenen Drum-Sound, eine Ausnahme bildet. Dennoch fügt sich auch dieser Song gut ein und rundet mit dem finalen Track „Hand It Over“, einer souligen, mit Gospel Chor unterlegten, Ballade die mich an eine Mischung aus Chicago und Steely Dan erinnert, das Album perfekt ab.

Klanglich ist „LDA“ für ein zeitgenössisches Album erstaunlich detailverliebt, fast audiophil, abgemischt. Immer wieder gibt es tolle Effekte im Stereobild zu hören und die Bühne ist außergewöhnlich gut ausbalanciert. Was die instrumentelle Besetzung angeht, scheuen MGMT neben den Synthesizern und Drum-Machines auch nicht vor dem experimentellen Einsatz von Blockflöten, Horn und sogar einem Saxophon Solo in „She Works Out Too Much“ zurück. Einmal mehr zeigt sich hierbei das unglaubliche kreative Geschick des Duos. Nur was das Mastering angeht ist die Kompression, wie bei modernen Produktionen üblich, sehr ausgeprägt, was das ansonsten sehr ausgeklügelte Material soundtechnisch wenig dynamisch wirken lässt. Retro in neu eben. Die Produktion scheint außerdem recht geprägt von Collaborator und Freak-Pop Pionier Ariel Pink, der auch Keyboards und Gitarren eingespielt und sogar als CO-Autor für einige Stücke gelistet ist. Dessen neues Album „Dedicated to Bobby Jamerson“ ging klanglich in eine ganz ähnliche Richtung wie „LDA“ und belegte in vielen Jahresrankings und in den Herzen vieler stylebewusster Millenials 2017 hohe Plätze. Ob das MGMT mit ihrem neuen Meisterwerk auch gelingen könnte? Wahrscheinlich. Es hat das Potenzial dafür und für eine ganz neue Ära der Band mit einem topaktuellen Retro-Sound. Ich freue mich jetzt schon auf mehr Neo-80s! Und meine Eltern auch.

Roman Stolzenberger

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