Hinds: „I Don’t Run“ und das Lebensgefühl unserer Generation

Die jungen Leute der 60er hatten die Hippie-Bewegung mit Woodstock und der Lockerung aller gesellschaftlichen Normen, die der 70er den Punk mit seiner zerstörerischen Kraft gegen das Establishment. In den 90ern krempelte die Techno-Kultur unsere Tanz- und Feiergewohnheiten um. Aber was haben wir jungen Menschen heute? Subkultur im Internet, Instagram und Synthpop-Kitsch-Revival. Zugegeben: Das Lebensgefühl von uns Millennials wirkt verglichen mit den Einstellungen, Moden und Subkulturen unserer Eltern manchmal fast schon prüde und langweilig. Wir schockieren nicht mit schrägen Frisuren, starten weder eine Rebellion gegen die ältere Generation, noch beschäftigen wir uns mit Spiritualität oder Philosophie. Stattdessen wird zuhause Netflix binge-gewatched, draußen Instagram-Story-Content gepostet und dabei die Ästhetik einer Zeit vor unserer Geburt zelebriert: Uns macht ein Lebensgefühl aus, das entspannter, anti-rebellisch und alles in allem verletzlicher und träumerischer ist, als das der Generationen vor uns. Wir zelebrieren uns und den Moment, leben in den Tag und tun uns schwer mit festen Bindungen. Bemerkbar macht das sich vor allem auch in unserer Musik. Und niemand fasst es momentan besser zusammen als DIE Band der spanischen Indie-Szene schlechthin: Hinds.

Bereits 2016 kamen die vier Mädels aus den Tiefen der von Punk und vor allem von Jungs geprägten Madrider Underground-Szene empor, um die Indie-Welt mit ihrem Debut-Album „Leave Me Alone“ zu begeistern. Ihre ersten Schritte in die Musik hatten sie gerade einmal ein paar Jahre zuvor als Groupies von lokalen Punkbands gemacht, was man ihrem Debutalbum in all seinen Facetten anmerkte. Einfache, repetitive Melodien, unsauber gespielte Akkorde, eine Lo-Fi-Produktion, die klanglich an Kassetten-Mixtapes der 80er erinnerte: Der Amateur-Charme der Truppe um die Gitarristinnen Carlotta Cosials und Ana Perrote war so unwiderstehlich originell, dass sie bald ausverkaufte Konzerte und Festivals in ganz Europa und auch in Nordamerika spielten. Die Musik auf ihrem Debut, eine Mischung aus rohem Riot-Girl-Garage und zurückgelehntem Slacker-Indie ala Mac Demarco mit Texten über Ex-Freunde und One-Night-Stands ist einfach, aber genau das, womit wir Millennials uns identifizieren können. Es ist Musik, die klingt wie erwachsen werden sich anfühlt: Diffus, spontan und keinesfalls makellos. Allerdings neigen gerade die weniger treibenden Songs auf „Leave Me Alone“ mit ihrem teils unsauberen Rhythmus und den sich oft unharmonisch überschneidenden Vocals von Carlotta Cosials und Ana Perrote zu sehr ins unprofessionelle abzudriften. Auch die durchaus gewollte Lo-Fi-Produktion kling an vielen Stellen zu offen und undefiniert, der Bass und die Bass-Drum sind durchgehend zu wenig wahrnehmbar im Mix, was den Hörgenuss und auch die Tanzbarkeit der Songs einschränkt und mich lange skeptisch gegenüber Hinds machte.
Jetzt, knapp zwei Jahre später sind die Indie-Girls zurück mit „I Don’t Run“, ihrem sehnsüchtig erwarteten zweiten Album und meine Skepsis völlig verflogen! Schon die vorab veröffentlichten Singles „New For You“ und „The Club“ stellten eine sowohl klanglich als auch im Hinblick auf das Songwriting und die Instrumentation eine enorme Weiterentwicklung der Band dar, ohne dass sich Hinds zu weit von ihrem ursprünglichen Lo-Fi-Punk-Sound entfernten. Das nun erschienene Album hält alle Versprechen: Die Texte sind noch immer verträumt adoleszent und irgendwie kleine Momentaufnahmen unseres jungen Lebens, der Klang allerdings reifer und gekonnter als zuvor.

Ade Martins Bassspiel ist nun viel melodischer (vor allem auf „Soberland“ und „Tester“!) und treibender als zuvor, was viele Tracks enorm aufwertet. Auch Drummerin Amber Grimbergens Rhythmen sind deutlicher geworden, mehr auf den Punkt gebracht und bei „Finally Floating“ sogar richtig dancy. Rhythmuswechsel und Interludes wie auf „Tester“ oder „Rookie“ machen die Songstrukturen unerwartet abwechslungsreich und stehen in krassem Kontrast zu der Monotonie der Tracks auf „Leave Me Alone“. Der Gitarrensound wirkt auf allen Tracks knackiger, wärmer und definierter als auf dem Erstlingswerk der Gruppe, der Gesang melodischer und nichtmehr zu diffus, trotzdem noch authentisch. Entspannte, slackerhafte Songs wie „Linda“ oder das demohafte, von spanischer Folklore beeinflusste „Ma Nuit“ sind meine Favoriten auf „I Don’t Run“. Vor allem hier zeigt sich das gereifte Songwriting der Band und verbreitet eine warme, an schwüle spanische Sommernächte erinnernde Atmosphäre, die das ganze Album durchzieht. Eine musikalische Kreuzung aus Mac Demarco-Attitüde und wildem, spanischen Charakter, die unser Lebensgefühl als Millennials perfekt vertont.

In den Texten erzählen und Ana Perrote und Carlotta Cosials noch immer von gescheiterten Beziehungen, den Momenten nach einem durchzechten Clubbesuch und verwirrten Gefühlen als junger Erwachsener…Momente die jeder von uns kennt. Dazu passt das Artwork des Albums, bestehend aus Polaroids der Band, die aussehen wie das Gruppenfoto auf Instagram von Samstagnacht. Mit „I Don’t Run“ geben uns Hinds damit nicht nur das perfekte Partyalbum für den Sommer 2018, sondern viel mehr: Sie geben uns eine Momentaufnahme unseres jungen Lebensgefühls, den Soundtrack zu unserer Generation. Das macht für mich „I Don’t Run“ zu ihrer bisher besten Veröffentlichung und lässt mich schon jetzt ungeduldig auf mehr warten!

Tourdaten:

26.04.18: Molotow, Hamburg

27.04.18: Berlin, Bi Nuu

Gewinnt Gästenlistenplätze! Mehr Infos hier.

Share:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.