“Rock Store” Inhaber Juergen über den allzeit beliebten Tonträger, den Record Store Day und die Zukunft des Vinyls

Viele verbinden mit dem Wort Musik oder Album direkt folgendes: die Schallplatte. Schon längst kein Tonträger mehr von erfahrenen Sammlern, feiert das schwarze Vinyl seit einigen Jahren ein großes Revival. Plattenläden räumen die CDs wieder in hintere Regale und machen Platz für immer mehr Neuerscheinungen. Die The Cure Platten, die meine Mutter damals in den 90ern verkaufte, finden sich nun dank Flohmärkten, Börsen und gut ausgestatteten Plattenläden in meinen Regalen wieder. Der große und unhandliche Tonträger ist ein Klassiker und fasziniert gleichzeitig durch seine Beschaffenheit. Auch der Record Store Day, welcher nun schon seit 11 Jahren stattfindet und dem beliebten Musikträger einen eigenen Ehrentag einräumt, ist groß im Gespräch. Auf http://www.recordstoredaygermany.de/ läuft jedes Jahr ein Countdown bis es endlich so weit ist – fast schon wie Weihnachten ..oder vielleicht noch besser? 

Mittlerweile erscheinen an diesem jährlich stattfindenden Tag (übrigens immer am 3. Samstag im April), um die 500 besondere Plattenexemplare. Das ist eine ordentliche Zahl, wenn man bedenkt, dass zu Anfangszeiten lediglich um die 30 Spezial Auflagen am Record Store Day veröffentlicht worden sind. 

Fotos: @Rock Store CD & Vinyl, Essen

Juergen, Inhaber des Rock Stores in Essen und zudem “ein erfahrener Hase auf dem Gebiet” (wie er sich selbst nennt), hat mit mir sein fachliches Wissen über die Schallplatte, das Plattengeschäft, warum 180 Gramm Vinyl und die Audio-Kassette Quatsch sind und natürlich über den Record Store Day geteilt.

Ein eigener Plattenladen, davon träumen viele Musikfans. Wie lange führst du deinen Plattenladen bereits und wie hast du es geschafft dich damit selbstständig zu machen? 

“Ich habe damals eine Ausbildung im Einzelhandel gemacht, war jedoch in der Branche, in der ich dann gelandet bin nicht wirklich zufrieden und wollte etwas anderes machen, was sich vielleicht auch länger als 10 Jahre bewährt. Also habe ich damals einen Privatkredit aufgenommen und im Plattengeschäft Fuß gefasst. Mittlerweile funktioniert das seit 40 Jahren.”

Die Platte feiert seit einiger Zeit wieder ein Comeback und hat mit ihren Verkaufszahlen in den USA seit neustem Stand die Download Zahlen überholt. Hast Du diesen Boom auch zu spüren bekommen bzw. inwiefern hat sich etwas für dich in den letzten Jahren verändert? 

“Die Platte war hier bei uns im Geschäft nie ganz tot. Selbst in den Zeiten, als niemand etwas davon wissen wollte, haben wir die Leute an der Stange gehalten.. aber sicher ist die Platte wieder stärker im Geschäft und wieder salonfähig geworden. Verändert hat sich in sofern etwas, dass ich meine Plattenabteilung wieder erweitern musste und die CD zusammenstauchen musste, damit mehr Platz für die Schallplatten frei wird. Vorher, in den 90ern, war es ja quasi umgekehrt.”

Zunehmend junge Leute scheinen sich heutzutage für Platten als Tonträger zu interessieren. Gibt es zum älteren Publikum gewisse Unterschiede? Worauf legen die jeweiligen Generationen Wert beim Plattenkauf?

“Aus meiner Sicht gibt es da die 3 typischen Schallplattenkäufer, die mir aufgefallen sind. Das sind zum einen die, die schon immer Platten gesammelt haben und wieder Spaß daran gefunden haben. Die haben damals alle ihre Platten verkauft und sich im wahrsten Sinne des Wortes in den Hintern gebissen und kaufen ihre Platten jetzt nochmal neu. Dann gibt es die zweite Kategorie, das sind viele junge Leute, die neben ihren Streaming Diensten Lust auf Original-Geschichten haben, was ich sehr gut finde. Ich finde, dass ist dasselbe, wie mit Büchern. Da gibt es einen großen Unterschied zwischen einem gedruckten Exemplar und einer digitalen Version auf dem iPad. Und die dritte Kategorie sind die Leute, die schon immer dabei gewesen sind und jetzt natürlich auch eine große Klappe haben, nach dem Motto ‘Was soll das hier auf einmal? Ich hab schon immer Schallplatten gekauft und ich weiss auch warum’. “

“Wenn eine Platte 140-150 Gramm wiegt, reicht das völlig.. alles andere ist meiner Meinung nach Materialverschwendung”

In den 90ern löste die CD die Schallplatte mehr oder weniger ab, weshalb die Pressungen weitestgehend zurückgingen. Deshalb sind Alben auf Vinyl aus dieser Zeit sehr rar und nur sehr schwer zu bekommen. Worauf sollte man bei der Suche nach einer seltenen Schallplatte achten, um nicht an einen Counterfeit zu kommen?

“CD hat Vinyl in den 90ern verdrängt, das stimmt. Counterfeits sind ja leider eine böse Geschichte geworden. Früher gab es nur Bootlegs, das waren illegale Live-Aufnahmen.. mittlerweile sind eben vermehrt Raubkopien dazugekommen, die für den heutigen Laien zum Teil sehr schwer erkennbar sind. Entlarven kann man ein Counterfeit in der Regel zB beim ersten Blick: Counterfeits sind oft in ungewöhnlichen bunten Farben gepresst, weil die Leute die dahinter stecken wissen, dass vor allem auch jüngere Menschen auf diese farblichen Pressungen stehen. Dann erscheinen auf einmal farbige Platten, die in der Originalpressung so überhaupt nicht existieren. Auch die Cover Qualität ist meist deutlich schlechter und das Papier dünner, als die vom Original. Auch Zubehör, wie Songbooks oder Download-Codes fehlen. Und letztendlich spielt der Klang auch eine große Rolle, weil das meist schlecht von einer CD überspielt worden ist. “

Wer jedoch auf Nummer Sicher gehen möchte, bleibt dem lokalen Plattenladen um die Ecke einfach treu und kauft dort seine Tonträger. Denn seriöse Plattenhändler, die sich auskennen, lassen solche gefälschten Exemplare in keinem Fall über die Türschwelle und kaufen meist direkt bei den Labels oder anderen verlässlichen Quellen ein.

Auch die Audio Kassette feiert momentan ein Revival / Comeback. Immer mehr Künstler, vor allem aus dem Indie-Bereich, veröffentlichen Ihre EPs oder Alben auf dem kleinen Tonträger mit Magnetband. Wie ist deine Meinung zur Audio Kassette? 

“Mit der Musik Kassette, tut mir leid, aber da kann ich absolut keine Logik mit verbinden. Ich fand den Tonträger als bespieltes Medium schon immer schrecklich (lacht). Weil das noch kleiner als eine CD war und noch weniger Informationen dabei waren. Für mich hat eine Musikkassette immer nur den Sinn gehabt, dass man sie bespielen konnte, um sein eigenes Tape zu erstellen. Lieblingssongs aufnehmen für Unterwegs, für’s Auto oder wie ich das immer gerne gemacht habe: so als Zusatzgeschenk bei Einladungen oder Ähnliches, um die Leute auf neue oder andere Musik zu bringen. Also es ist ja vielleicht ein netter Gag, dass jetzt am Record Store Day beispielsweise “Back in Black” auf Kassette erscheint, aber aus meiner Sicht steckt da keine wirkliche Logik hinter. Ich denke auch, dass die Musikkassette nie mehr den Status erreichen wird, den sie mal hatte.. das ist vorbei. Aber wie gesagt, es ist sehr schön damit selbst etwas zu machen. Wenn ich ein Mixtape aufnehme höre ich mir ja alle Stücke nochmal in voller Länge an und kann zwischendurch auf- und abblenden.. das ist einfach toll und macht Spaß.”

Bands wie Ilgen Nur oder Kraków Loves Adana veröffentlichten Ihre Debuts auf Musik-Kassetten. Zu erwerben auf BandCamp.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viele Leute fragen sich, wie sie ihre Platte am besten lagern sollen und was zur Pflege besonders geeignet ist. Hast du Tipps?

“Man sagt immer, man darf die Platten nicht hinlegen, also stapeln. Was aber auch Quatsch ist, außer man legt jetzt vielleicht 200 Platten aufeinander, aber wer macht das schon. Die beste Möglichkeit ist halt nach wie vor, die Platten stehend zu lagern, möglichst aufrecht. Zudem sollten sie möglichst nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt sein, weil die Cover sonst am Rand ausbleichen, sodass man irgendwann den Interpreten nicht mehr lesen kann. Zur Pflege kann man natürlich eine Außenhülle benutzen, aber das ist Geschmackssache. Was man aber unbedingt zum Schutz der Platte besitzen sollte sind gefütterte Hüllen, denn viele Platten haben innen nur Papierhüllen. Und durch das unachtsame Herausziehen aus dieser Papierhülle kann mit der Zeit sogenannte “Hairlines”, also feine Abschürfungen hinterlassen, woran dann natürlich der Klang leidet. Eine Carbon-Faser Bürste sollte auch jeder besitzen und wenn man viele Platten besitzt, macht eine “Plattenwaschmaschine” Sinn.

Plattenwaschmaschine? Noch nie gehört.. Klingt ziemlich futuristisch, wie kann man sich das vorstellen? 

“Da gibt es zum Beispiel den “Knosti – Antistatic Waschautomat”. Der kostet um die 60 Euro und das funktioniert so, dass man die Platte in die Halterung legt und per Hand an einer Spindel dreht, wodurch die Platte dann durch eine Flüssigkeit gedreht wird und mit einer Bürste gewaschen wird. Funktioniert ein bisschen wie Teller spülen (lacht). Zum trocknen stellt man sie dann auf den mitgelieferten Ständer. Ich kann dieses Teil wirklich jedem Platten-Fan empfehlen, das Geld ist es auf jeden Fall wert und macht auf Dauer einiges aus.”

Im Netz liest man zudem auch oft von Tricks wie Platten mit Holzleim einschmieren und dieses dann über Nacht trocknen zu lassen.  Juergen hat auf dem Pflegegebiet in vergangenen Jahren einiges ausprobiert und ist zu dem Entschluss gekommen, dass Holzleim und andere Experimente Blödsinn sind.

Am Samstag ist wieder der langersehnte Record-Store Day. Habt Ihr etwas besonderes für diesen Tag geplant?

“Also wenn wir hier mehr Platz hätten, würden wir eine Live-Band auftreten lassen, aber leider wird sich die Livemusik nur auf unsere Anlage beschränken. Wir konzentrieren uns deshalb aufs Wesentlich: nämlich die schönen Schallplatten, die an diesem Tag erscheinen werden. Wir nehmen schon seit dem ersten Record Store Day daran teil, obwohl damals noch niemand mitbekommen kann, dass es so etwas gibt. Damals sind auch im Vergleich zu heute nur um die 30 Titel veröffentlicht worden..mittlerweile sind es 500. Meistens sind das Spezialauflagen, die Labels für diesen Tag zur Verfügung stehen.”

Von der bunten Madonna Maxi bis hin zur AC/DC Audiokassette: der diesjährige Record Store Day macht einige Klassiker wieder salonfähig.

Wer kam eigentlich auf die Idee einen Tag einzuführen, der komplett der Schallplatte gewidmet ist?

“Der Record Store Day kommt aus den USA, damals haben sich Independent Labels zusammengetan und gemerkt, dass es irgendwie auch mittlerweile auch Ketten wie Walmart gibt, die eigentlich auf andere Sachen fixiert sind, auch plötzlich Plattenabteilungen haben und das Plattengeschäft deshalb in den kleineres Läden ein wenig zu Grunde ging. Man hatte den Eindruck, der Plattenladen wird immer mehr zur Nische. Dann wurde die Idee vom Record Store Day geboren, um die Musikinteressierten wieder mehr auf die Fachabteilung zu fokussieren. Deshalb sind die besonderen Veröffentlichungen an diesem Tag auch nur im Plattenladen zu ergattern und nicht in großen Ketten. Eine super Grundidee, wie ich finde. Aber mittlerweile erscheint mir die Anzahl der Titel als zu viel.. wir richten uns da deshalb auch sehr nach den Wünschen unserer Kunden. “

Welche besondern Exemplare kann man im Rock Store an diesem Tag erwerben?

“Puh.. einige! Bei uns ist da der Fokus auf Leute gerichtet, die für die Szene wichtig waren und verstorben sind. Von David Bowie gibt es dieses mal zum Beispiel exklusiv drei Titel, das halte ich schon für ein großes Highlight. Es gibt die erste Pink Floyd Platte, die ja meiner Meinung nach Maßstäbe für die ganze Musik überhaupt gesetzt hat. Die erscheint mit einem anderen Cover und in der Mono-Version. Auch viele Randthemen kommen raus: ich persönlich finde David Sylvians Soloplatten ja bis heute einzigartig und da erscheint zB “Dead Bees on a Cake” als erstes Mal wieder als Doppel LP. Auch auf die Musikkassette von AC/DC hatten wir Vorbestellungen. Und von Madonna kommt eine farbige Maxi raus! “

Und zum Abschluss: Was wünscht du dir für die Zukunft der Platte? 

“Ich wünsche mir, dass noch mehr junge Leute es zu schätzen wissen, was das für ein tolles Medium ist. Dann finde ich es wichtig, dass für die Portabilität bei jeder Platte ein Download-Code beigelegt ist, egal ob Neuveröffentlichung oder älteres Exemplar. Leider ist das noch nicht bei allen Schallplatten so. Außerdem wünsche ich mir, dass die Qualität der Platte den momentanen Standart, welchen ich sehr gut finde, beibehält. Jedoch muss das mit dem 180 Gramm Vinyl nicht unbedingt sein.. Wenn eine Platte 140-150 Gramm wiegt, reicht das völlig.. alles andere ist meiner Meinung nach Materialverschwendung. Die Materialschlachten, die da auf den Aufklebern stattfinden, sind mittlerweile schon ein wenig überholt. Und auch erwähnenswert wäre, dass die Künstler weiterhin Wert auf das Artwork der Platte legen. Denn viele Cover kommen im kleinen CD-Format nicht so gut rüber, wie im größeren Format.”

Juergens “Rock Store” findet ihr am Grendplatz 7 in Essen Steele.

Weitere Plattenläden unseres Vertrauens, die auf jeden Fall einen Besuch wert sind:

 

 Black Plastic, Rheinische Straße 31 in Dortmund. Rock, Pop, Metal, Punk, Progressive, Psychedelic, Beat, Kraut, Jazz, Funk, Soul, Hip Hop, Electronic, House, Techno, Reggae, Blues, Avantgarde, Experimental, Neue Musik etc. Und coole Aufkleber.

 

 

Hitsville, Wallstraße 21 in Düsseldorf. Neues und Second Hand von Indie, Punk, Soul bis Jazz, Rock’n’Roll und Electronica. Auch eine große Auswahl an CD für jeweils kleines Geld von vielen unbekannten Acts wartet auf Euch. Macht es so wie wir und kauft blind die erste CD, die Euch ins Auge springt. Überraschungseffekt inklusive.

 

 

 

H2O Records, Karmelitenstraße 28 in Würzburg. Ist spezialisiert auf Krautrock, 70s Psychedelic und Synthesizermukke.

 

 

Hard Wax Records, Paul-Lincke Ufer 44a in Berlin. House Beats, Drum n Bass, Techno, Sampler, 70s/80s Disco und vor allem auch unbekannteres findet Ihr hier.

 

 

Space Hall, Zossener Straße 33 in Berlin-Kreuzberg. Einzigartiger Plattenladen in düsterer Atmosphäre auf großem Raum. So gut wie alle Musikgeschmäcker werden hier zufrieden gestellt. Alles dabei von Techno, Synth Pop, 80s, Indie, Rock, Hip Hop und noch viel viel mehr. Hier vergeht ein Nachmittag im Handumdrehen.

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