„Charlotte“ über die geheime Indie-Hauptstadt Bamberg und die Lausbuben von „Von Wegen Lisbeth“

Underground. Indie-Culture. Hippe Live-Locations. Kennt ihr nur aus Berlin? Dann wird es höchste Zeit, dass ihr Bamberg besucht. Ja, ihr habt richtig gehört! Das kleine historische Städtchen in Bayern ist unsere neue geheime Indie-Hauptstadt. Was die Musikszene in ihrer Heimatstadt so vielfältig und angesagt macht und was es mit ihrer engen Freundschaft mit „Von Wegen Lisbeth“ auf sich hat, verraten uns die Bamberger Indie-Rock Legenden von „Charlotte“ im exklusiven Interview mit MUZA.

Kennengelernt habe ich euch 2016 in Würzburg als Vorband für die inzwischen ziemlich bekannten Jungs von Von Wegen Lisbeth. Wie seid ihr an diese „prominente“ Bekanntschaft gekommen? (Wie ist Charlotte an ihre berühmte Freundin Lisbeth gekommen?)

Bergmann: Was? Die sind berühmt? (lacht) Klar, die Story kann ich erzählen. Die haben 2015 im Morph gespielt, als Support für „Annenmaykantereit“. Und ich dachte mir: Die heißen Lisbeth, wir heißen Charlotte…das sind ja beides eher Vornamen von alten Frauen. Ich bin dann total betrunken zu dem Matze von den Lisbeths hin und meinte so: „Hey, wir heißen so ähnlich wie ihr!“ so hat sich der Kontakt mit denen ergeben. Kurz darauf hatten die Jungs einen Gig im „Sound n Arts“ (Club in Bamberg). Da haben die dann tatsächlich bei mir in der WG gewohnt und wollten sich dafür bei mir bedanken, indem sie einen vier Meter hohen Weihnachtsbaum geklaut und den bei mir im Zimmer aufgestellt haben. Ich bin dann nichtmehr in mein Zimmer reingekommen (lacht). Das sind nämlich echte LAUSBUBEN die Lisbeths!                                                                                                M. Monaco: Das ist seit dem auch eine schöne Tradition in Bergmanns Wohnung (zwinkert).
Bergmann: Anscheinend haben sie seit dem ein chronisch schlechtes Gewissen. Deshalb dürfen wir bis heute ab und zu mit ihnen spielen. Sie sind mittlerweile eigentlich eine Liga zu hoch für uns, aber sie haben halt einfach Mitleid.
M. Monaco: Wir rufen trotzdem mindestens einmal die Woche an bei denen, und fragen: „Wie geht’s“ …
Bergmann: Grundsätzlich werden immer alle Bands die mit uns spielen berühmt. Das ist einfach so eine Eigenschaft von uns.

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Charlotte - @Stilbruch, Bamberg, 13.04.18. Fotocredit: Andre Schäfer (@andre_photografy)
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Euch gibt es inzwischen schon 15 Jahre! Herzlichen Glückwunsch. Wie habt ihr es so lange miteinander ausgehalten?

M. Monaco: Furchtbar ja, seit 2002. Sogar fast 16 Jahre. Das weiß zwar fast niemand, aber ich bin tatsächlich der einzige, der von der Grundbesetzung noch übrig ist. Alle die mich nerven hau ich einfach raus (lacht). Nee, Spaß. Wir haben tatsächlich mit 16 als Schulband angefangen. Wir waren damals alle eine Altersgruppe, haben zusammen Hausaufgaben gemacht und sind danach zur Probe gefahren. Ja und wie es halt so ist…unser damaliger Bassist ist zum Studieren weggegangen. Bergmann kam 2008 als Ersatz in die Truppe und Tom (Prof. Commander 3000) ist jetzt seit 2 Jahren als neuer Drummer dabei. Aushalten tun wir es zusammen einfach weil wir uns mögen. Wir machen nicht nur Musik, sondern verbringen auch einen Großteil unserer Freizeit zusammen. Wir gehen natürlich oft Bier trinken, waren mal zusammen im Urlaub in Hamburg, spielen oft Karten gemeinsam. Manchmal koche ich für alle, oder Bergmann Aber wenn ihr die Wohnung von Prof. Commander 3000 sehen würdet, wüsstet ihr wieso er nicht kocht (lacht).

Wer euch einmal live gesehen hat weiß, dass in eurer Musik die pure Energie des Punks steckt. Kommen eure musikalischen Idole aus diesem Bereich? Und woher nehmt ihr musikalische Inspiration?

Bergmann: Klar, die frühen Charlotte-Songs waren schon sehr Punk-lastig. Eine Prägung aus dem Punkbereich ist deshalb auf jeden Fall auch heute noch da.
M. Monaco: Also 2002, als wir angefangen haben gab es hier in Bamberg sehr viele gute Punkbands und eine ausgeprägte Punkszene. Das war für uns kleine Jungs mit 15 oder 16 natürlich das Größte auf so einem Punk-Konzert zu sein. Und daher kommt glaube ich dieser Einschlag. Aber was musikalische Vorbilder angeht…
Prof. Commander 3000: Meine musikalischen Vorbilder könnte ich auf Anhieb gar nicht alle aufzählen. Da gibt es so viele. Ich glaube, dass bei Charlotte vor allem die Texte eine ganz große Bedeutung haben. Die müssen halt echt gut sein. Die Musik entsteht meistens rund um einen Text. Ich als Drummer finde auch, dass Charlotte mit der Zeit immer grooviger geworden ist, vor allem auf der letzten EP. Ich zum Beispiel hab als Kind fast nur sowas wie „Die Toten Hosen“ gehört. Darüber bin ich dann als Teenager zum Indie gekommen. Habe daraufhin auch sehr lange selbst Indie-Mucke gemacht. Später ging es dann mal kurz in den Pop-Bereich. „Red Hot Chili Peppers“ sind auf jeden Fall schon seit Ewigkeiten riesen Vorbilder für mich.

Euren Sound kennzeichnen darüber hinaus vor allem eure deutschen Texte, in denen ihr über den Beziehungsalltag („Milch“), Jugendprobleme („Polytox“, „Oliver könig“) und Frauen („Viktoria“) singt. Eine ganz besondere Beziehung scheint ihr allerdings zur Welt des Kulinarischen zu hegen, wie die Titel eures Albums „Wer soll das alles Essen“ und eurer aktuellen EP „Marzipan“, sowie viele eurer Songtexte zeigen. Wer ist denn nun der Gourmet-Texter in der Truppe, und woher nimmt er seine Inspiration zu den vielfältigen Texten?

M. Monaco: Wir haben sehr viel Hunger (lacht)! Nee, witzig dass euch das aufgefallen ist. Ich hab mir da noch nie viel Gedanken darüber gemacht. Klar, der Titel unseres letzten Albums „Wer soll das alles essen“ spielt auf jeden Fall aufs Essen an. Nur hatten wir in diesem Fall das Cover mit den Konditoren zuerst. Das Bild fanden wir super und haben uns dann überlegt wie wir die Platte nennen. Übrigens haben wir einen sehr, sehr netten Menschen, der sich bei uns um das Artwork kümmert: Der Danny vom Lichtspielhaus. Der macht komischerweise immer Artwork, das mit Essen zu tun hat. Deswegen müssen wir halt immer auch die Platten nach Lebensmitteln benennen (lacht). Fragt ihn doch mal! Was die Texte der Songs angeht: Die schreibe hauptsächlich ich. Außer der auch sehr kulinarische Titel „Der Mann uns das Brot“, der ist von dir, Bergmann!
Bergmann: Blanker Zufall tatsächlich. Das mit dem Essen war nicht beabsichtigt. Aber meine Oma hat immer gesagt: „Junge, halt dich fern von Weibsvolk und Tabak. Wende dich lieber an Essen, dann ist es dein Freund und kann dir nicht wehtun.“ Das ist doch eine schöne Weisheit. Deshalb hab ich sehr wenig Angst vor Essen und kann damit irgendwie viel anfangen (lacht).

Man muss schon sagen: Eure Heimatstadt Bamberg verführt aber auch regelrecht zum Genuss! Bekannt ist sie ja vor allem für die vielen traditionellen Brauereien, die rustikale fränkische Küche und die malerische historische Altstadt. Hipsterflair, Jugendkultur und Indie passen da auf den ersten Blick gar nicht rein. Wie kommt es, dass eine lokale Indiegröße wie ihr gerade aus Bamberg kommt?   

M. Monaco: Ja klar wäre es natürlich cooler zu sagen wir kommen aus Berlin oder Hamburg. Aber wir kommen einfach von hier (lacht). Nee, man muss schon sagen: Obwohl Bamberg ein Provinznest ist, geht hier gerade was die Underground-Szene angeht ganz schön viel! Was ich super finde, ist dass es hier so eine innige Vernetzung zwischen den Künstlern der Szene gibt. Auch genreübergreifend. Man hilft sich immer gegenseitig aus. Wenn man einen Gig hat und es fehlt ein Verstärker, dann gibt es hier immer hundert Leute, die dir gerne einen ausleihen. Das schätze ich sehr an Bamberg. Wie gesagt: Für so eine kleine Stadt geht schon Einiges. Aber sagt es ruhig wie es ist: Bamberg ist ein Kaff (lacht).
Prof. Commander 3000: Aber es geht schon wirklich viel in der Szene. Zum Beispiel heute. Hier im „Stilbruch“ spielen wir einen Gig, im „Pizzini“ ist ein Konzert…also allein im Umkreis von einem Quadratkilometer finden in Bamberg an einem Freitag wie heute mindestens fünf Konzerte statt. Und zudem gibt es hier auch wirklich coole Locations! Manche sind zwar echt Underground und manchmal auch ein wenig außerhalb, aber zum Spielen hat man als Band hier immer einen Platz. Es wird hier auch viel in anderen Kunstbereichen gemacht. Viel Theater! Bamberg hat sogar ein eigenes Stadttheater. Aber was Jugendkultur angeht, sticht Bamberg im Vergleich mit anderen Städten dieser Größe einfach enorm hervor.
M. Monaco: Und die Leute kämpfen auch dafür, dass die Musikszene hier etabliert bleibt, dass Kultur finanziert wird. Da gibt es zum Beispiel das „Kontakt Festival“ hier in Bamberg. Das ist ein studentisch organisiertes Festival, das relativ klein angefangen hat aber im Laufe der Jahre sehr groß geworden ist und noch immer selbstverwaltet ist. So etwas gibt es nur hier.

Mit den vielen Kleinbrauereien eurer Heimatstadt geht eine große Vielfalt an Kneipen einher. Gibt es da vielleicht eine Verbindung zur Musikszene?

M. Monaco: Also Bier und Rock’n’Roll passen grundsätzlich immer zusammen (lacht).
Bergmann: Stimme zu!
M. Monaco: Viel Bier passt ja zu viel Rock’n’Roll…
Prof. Commander 3000: Genau! (lacht) Ich finde die Frage so gut beantwortet.

Nach vielen Jahren verlässt euch nach diesem Konzert heute euer Bassist „Bergmann Bergmann“ um sein Glück in Hamburg zu suchen. Wie verkraftet ihr diesen Verlust und wie geht es mit „Charlotte“ weiter?

M. Monaco: Hmm, ja…Das werden wir sehen wenn es soweit ist. Momentan ist es noch nicht so, dass ich mega traurig bin, weil ich mich auf den geilen Abend heute freue. Aber dieses Loch der Trauer wird bestimmt noch in den nächsten Wochen nach heute kommen. Weitermachen tun wir auf jeden Fall! Nur hab ich noch keine Ahnung wer Julian (Bergmann) am Bass ersetzt. Also allen die sich schon gefreut haben, dass es mit Charlotte endlich vorbei ist, sei gesagt: Wir machen noch weiter (lacht)!
Natürlich haben Charlotte nach dem Interview noch unseren MUZA Fragebogen ausgefüllt…

 

Charlotte sind: Bergmann Bergmann (Bass, Gesang)
M. Monaco (Gitarre, Gesang)
Prof. Commander 3000 (Drums)

Zu hören gibt es die Jungs auf Bandcamp und Spotify

Bericht und Interview: Roman Stolzenberger
Fotografie: Andre Schäfer

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