Die Grundessenz zur inneren Ruhe: Alpentines mit ihrem Debüt “Silence Gone”

Alpentines sind ein gutes Beispiel dafür, dass eine Indie-Band auch mit Ende 30, Anfang 40 immer noch gut funktionieren kann. Aus ehemaligen Mitgliedern kleinerer Nieschenbands, ist nun eigenwilliger, erfahrener Indiesound entstanden, der sich in der deutschen Musikszene nicht heimisch fühlen will und internationale Gebiete ansteuert. Größtenteils sesshaft in Köln haben Kay, Philipp, Marian und Kurt nach ihrer gleichnamigen EP, die letztes Jahr erschienen ist, nun ihr Debüt “Silence Gone” veröffentlicht. Ruhiger, klassischer Indie-Rock, der gerne auch mal als Indie-“Art”-Rock bezeichnet wird, was jedoch erst in den Strukturen deutlich wird. 

Alpentines achten bei Ihren Stücken nicht auf die Massentauglichkeit. Die Single „It opens“ läuft auf diversen kleineren Radiostationen, wie Campusradios und auch größere Sender, wie WDR2 nehmen das Stück gerne in ihr Programm auf. Welche Räumlichkeiten sich hinter dem durchdachten Album verbergen und warum Alpentines klingen, wie sie klingen, hat mir Sänger Kay im Gespräch erklärt.

Ihr wart vor Alpentines Mitglieder in diversen anderen Indiebands (Tulp, Lichter, Voltaire), die sich jedoch vorwiegend mit deutschen Texten befasst haben. Wieso jetzt auf englisch, wo doch die Deutsche Sprache im Indie- und Rockbereich momentan wieder eine Blütezeit erlebt?

„Das war schon vor der Gründung klar. Damals hab ich bereits die ersten Songs auf Englisch geschrieben. Tulp ist die einzige noch existente Band, dort singe ich auch weiterhin auf Deutsch. Aber ich hatte für mich auf den letzten Platten gemerkt, dass ich mich als Sänger auf Deutsch phasenweise nur schwer ertragen kann. Auf Englisch habe ich auch früher schon gesungen, ich habe den Eindruck, dass ich mich als Sänger besser wahrnehme. Es ist einfacher, mich von außen zu betrachten und zu hören. Jetzt im Moment fühlt es sich gut so an und Alpentines bleiben auch weiterhin eine englischsprachige Band.“

Euer Debut Album, welches am 13.04 erschienen ist, beinhaltet vorwiegend langsamere, entspannte Stücke. Worauf habt ihr bei der Atmosphäre des Albums besonders Wert gelegt? / Was soll es vermitteln?

„Ich glaube über eine finale Soundästhetik haben wir uns relativ wenig Gedanken gemacht. Wir sind schon sehr definiert dadurch, dass wir eine klassische Besetzung sind: Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren. Synthesizer haben wir selbst eingespielt, die fallen live dann aber weg. Die Vorstellung der Soundästhetik kam im Produktionsprozess, viel über unseren Produzenten Pascal El Sauaf. Die Grundposition war erstmal, dass wir alles live aufnehmen wollten, weil die Band so auch im Proberaum die Stücke erarbeitet hat und so sollte es auch auf der Platte klingen. Pascal meinte, er macht uns einen „heroischen“ Sound mit vielen Räumlichkeiten. „Silence gone“ haben wir hauptsächlich im Studio Nord in Bremen aufgenommen, dort gibt es diesen fantastischen, alten Ballsaal, in dem wir in einer Ecke gestanden haben und der Raum sich hinter uns noch auf 10-20 Meter geöffnet hat. Wir hatten dann in allen Ecken Mikrophone stehen, die diesen räumlichen Sound eingefangen haben.“

Ein Song darauf nennt sich Yoga Yassin. Lädt Silence Gone vielleicht auch zum Meditieren ein?

„Den Titel haben sich die anderen drei ausgedacht. Ich hab den Song geschrieben und für mich heißt er eigentlich „The Bleeping“. In dem Song findet sich aber durchaus die Grundessenz des Albums – ein wenig diese innere Unausgeglichenheit bearbeiten zu können. Diese innere Balance fehlt mir oftmals, und die Welt ist passend dazu auch sehr unübersichtlich geworden. Ich nehme viele Aggressionen wahr.“

Also steckt in Eurer aktuellen Musik auch irgendwie eine politische Botschaft?

„In dem Album an sich schon. Es gibt Songs wie ‚Dark Days‘ zum Beispiel, der die Angst thematisiert, die sich auch im Zuge des Terrorismus und der medialen Verarbeitung ausgebreitet hat. Es herrscht vielfach ein Misstrauen, der Politik und den Medien gegenüber. Menschen fällt es offensichtlich schwerer, Sachverhalte und politische Konstellationen zu erkennen und einzuordnen. Einen Großteil des Problems sind nicht nachprüfbare Informationsquellen und Strömungen, die bewusst Falschinformationen streuen. Schwierige Zusammenhänge werden vereinfacht, politisch instrumentalisiert. Die Unaufrichtigkeit der erstarkten politisch rechten Kräfte und das Thema Fake News lösen in mir eine ziemliche Wut aus. Auch ich habe in meinem Bekanntenkreis schon eine Vielzahl kruder Thesen gehört, an die meist die Aufforderung „glaub den Medien nicht“ angefügt wird. Ein Kernthema von Silence gone“ ist, denen, die schwierige Sachverhalte simplifizieren und einfache Erklärungsmuster als Antworten präsentieren, kritisch zu begegnen.“

Ist Eure aktuelle Musik also als eine Art Appell an die Gesellschaft zu verstehen, um aufmerksamer diesem Thema gegenüberzustehen?

„Ja, und auch generell sich aus dem Modus des ständigen Misstrauens zu befreien. Es gibt Dinge, die zu kritisieren sind, sei es in der Politik oder in anderen gesellschaftlichen Feldern. Wir verfolgen keine große, politische Intention, wollen aber sorgfältig beobachten und uns politisch bedacht positionieren.“

Und zum Schluss noch die klassische Frage: Wie entsteht bei Euch ein Song und wie regt Ihr Eure Kreativität an?

„Ein großer Teil der Songs wird von mir in den Raum geworfen, wird aber dort von der Band gemeinschaftlich bearbeitet. Das ist ganz wichtig bei Alpentines, jedes der vier Bandmitglieder hat zu gleichen Anteilen Einfluss auf die Ausgestaltung der Songs. Wir schauen, wie sich eine Idee für jeden von uns anfühlt, jammen. Daraus entsteht dann die Struktur und der Song verfestigt sich nach und nach.”

 

Das Debütalbum “Silence Gone” ist seit April auf CD, Vinyl und digital erhältlich.

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